11.05.2017

Baptistische Entwicklungen in Moskau

Pastor Witali Wlasenko als “baptistischer Außenminister” zurückgetreten

M o s k a u -- Mitte März ist Pastor Witali Wlasenko von seinem Posten als “Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen“ bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten zurückgetreten. Die Stelle hatte er seit 2006 inne. Eine strittige Frage betraf finanzielle Praktiken, doch Kenner versichern, daß die Ursachen des Rücktritts komplizierter sind.

Manche seiner Aufgaben für die Baptistenunion werden von Sergei Below im Moskauer Büro übernommen. Below spricht kein Englisch, doch Missionsdirektor Josif Makarenko sowie Seminardirektor und RUECB-Vizepräsident (nicht Leitender Vizepräsident) Peter Mitskewitsch können es. Neuer protestantischer Vertreter anstelle von Wlasenko im orthodox-katholisch-protestantischen Triumvirat an der Spitze des „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees für die GUS-Staaten und das Baltikum“ (KhMKK auf Russisch) ist der lutherische Erzbischof Dietrich Brauer. Den Plänen gemäß wird der Erzbischof nach zwei Jahren durch einen anderen kirchenleitenden Protestanten ersetzt. 

Pastor Wlasenko bleibt Leitender Pastor einer jungen Moskauer Baptistengemeinde und ist weiterhin tätig im Rahmen der nationalen Gebetsfrühstücksbewegung und der Russischen Evangelischen Allianz.

Er sagt: „Ich bin Gott und vielen Freunden dankbar für die wundervollen Erfahrungen, die ich im Laufe der vergangenen 11 Jahre machen durfte. Hiermit meine ich auch meine orthodoxen Freunde. Mir fällt das Ausscheiden zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer, denn wir Protestanten stehen großen gesellschaftlichen Herausforderungen gegenüber. Doch gleichzeitig freue ich mich auf neue, künftige Möglichkeiten, dem Reich Gottes zu dienen.“ Wlasenko wird Anfang Juni im Auftrage der Russischen Evangelischen Allianz China besuchen.

Gegenwärtig leidet die RUECB an Geldnot. Mein Kommentar: Diese Notlage kann stark auf die mangelnde Unterstützung der Regionen für die Moskauer Zentrale zurückgeführt werden. Regionale Baptistenbüros in den endlosen Weiten Rußlands neigen dazu, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln – diese Praxis gilt aber auch für die Region Moskau! Westliche Unterstützung könnte wahrscheinlich die jetzigen Engpässe schließen, doch das wäre kaum mehr als ein Notpflaster, eine nur vorübergehende Lösung. Die Gebiete müßten einmal wieder die Bedeutung des nationalen Büros anerkennen.

Das Gebet und ernsthafte Verhandlungen brächten uns einer Lösung näher. Die nächsten nationalen Wahlen sind für April nächsten Jahres vorgesehen. Alexei Smirnow, der bereits seit 2010 seine zweite Amtszeit innehat, darf sich nicht wieder zur Wahl stellen.

Die Angelegenheiten aus Omsker Perspektive
Konstantin Procharow, der in Prag promovierte und nun als Archivar und Historiker für die Baptistenunion von Omsk arbeitet, ist wegen künftiger Wachstumsaussichten nicht positiv gestimmt. In einem Omsker Interview am 22. April verwies er darauf, daß 1917 die Baptistenunion in einem Umkreis von 200 km um Omsk herum über nicht weniger als 8.000 Mitglieder verfügte. Damals lagen die Bevölkerungszahlen viel niedriger als heute, doch gegenwärtig hat diese Gebietsunion nur zwischen 2.000 und 2.500 Mitglieder. Er stellte fest: „Heutzutage wachsen wir nicht mehr – ich denke auch nicht, daß wir das unbedingt wollen. Uns drängt es nicht mehr danach.“ Dieser Rückschritt ist u.a. auf die Massenemigration ab Mitte der 20er und gegenwärtig seit Mitte der 70er Jahre zurückzuführen. Der Historiker machte die denkwürdige Feststellung, daß die Orthodoxie in absoluten Zahlen mit Abstand die größte russisch-christliche Diaspora überhaupt darstellt. Deren Einfluß auf die Daheimgebliebenen bedarf der weiteren Untersuchung.

Prokhorow, der in Petropawlovsk/Kasachstan aufwuchs, erwähnte, daß die sogenannten “freien Baptisten”, die den zahlreichen pfingstlerischen und überkonfessionellen Unionen von heute vergleichbar sind, in den 20er Jahren die höchsten Wachstumsraten aufwiesen. Sie wurden jedoch durch die Kollektivisierung, den Großen Terror und den Weltkrieg dezimiert. Deren Niedergang führt er auf das Fehlen institutioneller Strukturen und Immobilien zurück. „Unsere große Omsker Kapelle wurde uns dreimal genommen,“ merkt er an. „Doch jedes Mal haben wir sie wiederbekommen. Wir sind als kirchliche Größe am Leben geblieben. Die freien Baptisten hatten sich jedoch in Häusern versammelt und hielten den Kapellenbau für Geldverschwendung. Doch als die Verfolgung eintraf, waren es die Strukturen, die überlebt haben. Ohne Strukturen haben wenige Gläubige überstanden; deren Überreste haben sich in den 40er Jahren der Baptistenunion angeschlossen.“ Nach seiner Überzeugung wird die russische Baptistenunion sicherlich auch künftig bestehen.

Dr. phil. William Yoder
London, den 11. Mai 2017
“kant50(at)web.de”

Für diese journalistische Veröffentlichung ist allein der Verfasser verantwortlich. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, die offizielle Meinung einer Organisation zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden, wenn die Quelle angegeben wird. Meldung 17-04, 617 Wörter.