14.07.2017

Der Anfang ist gemacht

Über einen Besuch in China und dem Russischen Fernosten

Reportage 

M o s k a u – Die Volksweisheit weiß zu behaupten, daß es die USA sind, die sich mit gewaltigen Größen und Übermaßen hervortun. Doch nur in Asien kann man einen Bahnhof bewundern, der drei Straßen bereit und drei Etagen hoch ist mit einer Gesamtlänge von 420 Metern. (Dabei wird das angeschlossene Flughafenterminal nicht mitgezählt.) Es handelt sich dabei um den Hongqiao Bhf in Schanghai. Der futuristische, ovalförmige Bahnhof in Beijing ist mindestens 30 Bahnsteige breit. Hochgeschwindigkeitszüge verbinden die größten Städte Chinas. Währenddessen bringen es die USA nicht einmal fertig, das relativ kleine aber dichtbevölkerte Florida mit einem rudimentären Eisenbahnschnellnetz auszustatten. Und Seoul/Südkorea ist kaum weniger imponierend.

Interessanterweise sind sowohl Facebook wie Google aus dem chinesischen Internet verbannt. China hat entschieden, vom profitablen „Datenernten“ dieser westlichen Giganten Abstand zu nehmen – was sein gutes Recht ist. Der chinesische Staat setzt dagegen High-Tech-Gesichtserkennungssoftware ein, um sich bezüglich der eigenen Bürger und deren Gäste auf dem laufenden zu halten.

Die Volksrepublik China versteht etwas davon, zweideutige Signale in die Welt zu setzen. Bereits in Nowosibirsk war das Gefälle zwischen seiner Stadt- und Landbevölkerung offenkundig. Unser russischer Flug von Nowosibirsk nach Schanghai am 4. Juni bestand größtenteils aus Mitgliedern der lärmenden, chinesischen Landbevölkerung. Obwohl ihr Gepäck in den Kopffächern über das ganze Flugzeug verstreut war, bleiben die allermeisten von ihnen auf ihren Plätzen bei Abflug und Landung. 

Auch das gewaltige Gefälle zwischen den offiziellen und den eigentlichen Regeln des Staates kann für Verwirrung bei Gästen sorgen. Da ein Christ nicht lügen kann, erwähnte ich in der Berliner Botschaft Chinas meine Absicht, Vertreter der offiziellen Kirche aufzusuchen. Mir wurde deshalb ein touristisches Visum verweigert. Ich mußte mit einem 144-stündigen Transitvisum vorliebnehmen, das mich auf Schanghai und angrenzende Gebiete beschränkte. Doch arbeitet einer der sehr erfahrenen kirchlichen Mitarbeiter aus dem Westen, der uns in China empfangen hat, mit einem 10-jährigen Tourismusvisum. Ein Amerikaner, der viele Jahre als Pastor in China verbrachte, sagte: „Der Staat war darüber im Bilde, daß ich als Pastor arbeitete, doch offiziell verweilte ich dort mit einem Arbeitsvisum als Fachberater (Consultant). Alle kirchlichen Kontakte werden abgelehnt. Es ist deshalb in Ordnung, wenn man sich bei der Beantragung des Visums als Ausbilder oder Consultant ausgibt.“

Der Druck auf die Kirchen ist unterschiedlich. In der südöstlichen Provinz Zhejiang wird seit 2013 versucht, alle Kreuze aus dem öffentlichen Landesbild zu entfernen. Doch vom Zug aus zwischen Schanghai und Nanjing sieht man massive, hohe Kirchtürme, die meilenweit zu sehen sind. Das staatlich unterstützte “Nanjing Union Theological Seminary” hat “nur” 350 Studenten, doch hat seine hellweiße, 2017 eingeweihte Kirche eine Größe, die an die von Notre Dame zu Paris herankommt. Das evangelische Seminar in Charbin/Mandschurei soll optisch noch beeindruckender sein und verfügt über Gärten, eine vollständige Landwirtschaft und Fischproduktion. Sie sollen das Seminareinkommen aufbessern. Man hört gleichzeitig aber auch, daß seit einigen Jahren Pastoren mit einem verstärkten staatlichen Druck klarkommen müssen.

Der übergreifende Schirm der offiziellen Kirche ist der 1980 entstandene “Chinesische Kirchenrat” (CCC), der eng mit der 1951 gegründeten „Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung“ verwoben ist. Der CCC wird von nicht wenigen als ein rein bürokratisches Konstrukt abgetan, doch viel Leben quillt von hinter diesem Schirm hervor. Der CCC hat keinen guten Ruf; es ist jedoch ihm zu verdanken, daß es ein christliches Leben in der Öffentlichkeit gibt. Die Trennungen sind häufig scharf, dem ausländischen Gast wird häufig mitgeteilt, man dürfe entweder nur inoffizielle oder offizielle Gemeinden aufsuchen – niemals beide. Doch eine Zusammenarbeit zwischen CCC-Gemeinden und den inoffiziellen Hausgemeinden von der mittleren Ebene abwärts gibt es dennoch.

Im Allgemeinen wird konstatiert, lebhaftes kirchliches Leben gäbe es in China nur nur unterhalb der mittleren Ebene. Ein Zitat, das ich hörte, lautete: „Dort wo sich der CCC als korrupt oder kompromittiert erweist, springen Hausgemeinden in die Bresche und bringen die Sache voran.“ Es wird behauptet, das Rote Kreuz Chinas sei korrupt, doch die Kirchen Chinas unterstützen nicht weniger als 300 Altenheime. Geld gibt es in kirchlichen Kreisen, doch die Verteilung ist ungleichmäßig und Korruptionsvorwürfe sind relativ häufig.

Wäre die chinesische Kirche als stark oder schwach zu bezeichnen? Vom CCC getragene Gemeinden sollen über 28 Millionen Mitglieder verfügen – es waren gerade 700.000 im Jahre 1950. Der US-Mennonit Nathan Showalter, der bis vor kurzem einer englischsprachigen Gemeinde in Schanghai leitete, berichtet von einer Gesamtmitgliederschaft, die nicht unterhalb von 75 Millionen anzusetzen sei. Dabei räumt er ein, daß seine Einschätzung wahrscheinlich bescheiden sei. Allein Beijing hat vier Gemeinden mit einer Mitgliederzahl oberhalb von 10.000. Die Pracht und der Glanz dieser Kirchen und Gottesdienste brauchen den Vergleich mit den Megakirchen Nordamerikas und Südkoreas nicht zu scheuen. Übrigens: 75 Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von 1,4 Milliarden ergibt einen Bevölkerungsanteil von 5% - ungefähr die gleiche Mitgliederzahl wie die regierende kommunistische Partei. Ein Gesprächspartner in China meinte, der CCC würde dazu neigen, die Gesamtzahlen zu drücken, während die Hausgemeinden sie eher überzeichneten. Immerhin sind es nur gutgehende Unternehmen, die viele Spendengelder an Land ziehen.

Manche Berichte bescheinigen den Gläubigen Chinas ein sehr mangelhaftes Grundwissen bezüglich der christlichen Lehre; sie würden vor allem wegen des Neuigkeitswerts christliche Gottesdienste aufsuchen. Doch Showalter erzählt von wißbegierigen und fleißige Lernenden. Da in den Schulen die christliche Kultur niemandem beigebracht wird, ist es nur verständlich, daß Katecheten bei der Unterweisung von Frischbekehrten bei null anfangen müssen. 

Hausgemeinden
Man bekommt zu hören, daß die staatlich nicht sanktionierten „Hausgemeinden“, obwohl primitiv in ihren theologischen Äußerungen, generell dynamisch und lebhaft wirken. Das macht sie den Pfingstgemeinden im Westen vergleichbar. Die christlichen Akademiker im CCC sind eher zimperlich und sorgen sich um die Kontextualisierung der christlichen Botschaft – worüber sich die Hausgemeinden nicht scheren.

Gesprächspartner erzählten, die Hausgemeinden seien dem Westen gegenüber überdurchschnittlich aufgeschlossen und spiegelten die Stärken und Schwächen des evangelikalen Lebens im Westen wider. Das ist nicht verwunderlich, denn sie seien auch Kinder dieser westlichen Bewegung. Einige chinesische Prediger vertreten sogar eine Eschatologie, die den Sturz der eigenen kommunistischen Staatsführung prophezeit.

Verbindungen mit den Protestanten Südkoreas sind vielfältig und allgemein positiv. Die Chinesen haben sogar vor, bis zum Jahr 2030 die Südkoreaner mit ihren gegenwärtig rund 20.000 ausländischen Missionaren zu überflügeln. Das würde sie im Weltrang auf die zweite Stelle nach den USA bringen. Das Hauptziel ist die muslimische Welt, und die Chinesen haben offensichtlich das Ziel, die muslimische „Bedrohung“ mit christlicher Mission zu bändigen oder zu überwinden. Im Juni 2017 wurden zwei junge chinesische Sprachlehrer, die inoffiziell als Missionare in Pakistan tätig waren, ermordet. 

Obwohl sie in einem Meer ungläubiger Han-Chinesen schwimmen, fühlen sich viele der inoffiziellen US-Missionare in China berufen, die “unerreichten” Völker zu erreichen. Ein Beobachter vor Ort beschwert sich, daß diese „Unerreichten“ besser erreicht werden als die überwältigende Volksmehrheit. Die chinesische Bevölkerung besteht zu 92% aus Han-Chinesen. 

Im eigenen Hause den Gastgeber spielen
Die westlichen Siege nach den Opium-Kriegen, die 1847 und 1860 zu Ende gingen, haben die Freiheit des Missionierens innerhalb Chinas erheblich ausgeweitet. Die englischsprachige „Wikipedia“ drückt es wie folgt aus: „Die Chinesen haben nur deshalb den Missionaren Rechte eingeräumt, weil sie einer Übermacht der westlichen Marine und ihren Armeen gegenüberstanden.“ Natürlich belegt der Fall China, daß ein Recht auf Proselytismus, der auf Waffengewalt basiert, schnell nach hinten losgehen kann. Die westliche Mission wurde deshalb als fester Bestandteil des westlichen Bemühens um die Niederwerfung und Kolonialisierung Chinas eingestuft.

Der Sieg der Kommunisten 1949 schaffte völlig neue Bedingungen. Ein Gastgeber aus Beijing wies darauf hin, daß Mao Zedong vor allem als Befreier vom ausländischen Joch gefeiert wird und nicht als Sozialrevolutionär. Unter dem Vorsitzenden Mao sei die älteste, vereinte Nation der Welt einmal wieder „aufgestanden“. Die großartigen und penibel-restaurierten Kolonialbauten in Schanghai-Pudong sind heute von chinesischen Fahnen gekrönt. Sie teilen mit, wer Gast und wer Gastgeber sei. (Unklar in Rußland während der Jelzin-Ära.) Wenn noch im heutigen Rußland sich eine kirchliche Organisation des Westens in einem teuren Bau einmietet, dann die Einheimischen zu Veranstaltungen einlädt, verwischen sich auch die Grenzen zwischen Gast und Gastgeber.

Die Seminare des CCC spiegeln die gleichen Empfindlichkeiten wider. Ausländische Dozenten sind eine Seltenheit in Nanjing und der Austausch mit ausländischen Studenten wird stark eingeschränkt. Diese Chinesen wollen dafür sorgen, daß die historisch unheilvolle Union von Mission und Kolonialismus nicht wiederkehrt.

Nathan Showalter, der 14 Jahre in China verbrachte, hält die chinesische Regierung nicht für antichristlich. Er schrieb: “Der chinesische Staat mischte sich schon seit lange vor Mao in religiöse Angelegenheiten ein. Man hat die Freiheit, an das zu glauben, was einem beliebt. Aber der Staat reguliert sorgsam die öffentlichen Äußerungen religiösen Glaubens. Doch gleichzeitig (laut Verfassung von 1982) verteidigt China seine Verpflichtung zur Glaubensfreiheit.“

Er fährt fort: „Der Teufel steckt im Detail, wenn es darum geht, wie die religiöse Freiheit in der Praxis auszusehen hat. Die Partei entscheidet selbst, wie eine ‚Störung öffentlicher Ordnung’ aussieht. Der Staat befindet, wann die Gesundheit der Bürger gefährdet sei. Das Büro für religiöse Angelegenheiten ist der letzte Schiedsrichter in der Frage, ob eine bestimmte religiöse Erziehung dem staatlichen Bildungssystem widerspricht.“

Es wäre jedoch ungerecht, die missionarische Ära Chinas in rein negative Farben zu malen. Die Prinzipien der Drei-Selbst-Bewegung (Selbstverwaltung, Selbsterhaltung, Selbstverkündung) wurden erstmals vorgestellt auf einer Schanghaier Konferenz ausländischer Missionsgesellschaften im Jahre 1898! Pearl Buck (1892-1973), die Tochter presbyterianischer Missionare aus den USA, hat 1932 ihren kritischen Aufsatz, “Is there a Case for Foreign Missions?”, publiziert. Sie wird heute mit einem Denkmal vor ihrem Wohnhaus in Nanjing geehrt.

Interessierte Beobachter sollten sich das Wirken des Altbischofs K. H. Ting (oder Ting Guan-Xun, 1915-2012), Rektor des Nanjinger Semianars und Präsident des CCC nach 1980, vornehmen. Im Sinne Dietrich Bonhoeffers wählte er den weniger bequemen Weg und zog inmitten einer notvollen Zeit in die Heimat zurück. Im Jahre 1951 zog er samt Familie von Genf nach China um. Ein liberaler Theologe, der wegen seiner inklusiven Theologie einer „Kosmischen Christenheit“ bekannt war, wurde ihm jahrzehntelang von seinen Landsleuten im Ausland unterstellt, dem Staat unterworfen zu sein. Doch auch er wurde während der Kulturellen Revolution von 1966-76 unterdrückt und aller Ämter enthoben. Der Verlag „Orbis Books“ hat 1988 eine Biografie von Philip Wickeri über ihn, “Seeking the Common Ground”, herausgebracht. 

Rußland und China – ein Kommentar
Russen und Chinesen sind keine natürlichen Verbündeten. Da ein Land über die Menschenmengen verfügt und das andere über den Boden mit seinen Naturressourcen, sind Konflikte unvermeidlich. In Schanghai wies ein Gesprächspartner darauf hin, daß chinesische Schulkinder weiterhin über die Landeinnahme des imperialen Rußlands von 1858-60 informiert werden. In einer Phase politischer Schwäche schnappte sich Rußland den nordöstlichen Teil der Mandschurei auf (Wladiwostok, Komsomolsk, Blagoweschtschensk und darüber hinaus).

Chinesen, die sich heute legal oder auch sonst im Russischen Fernost aufhalten, beschweren sich ihrerseits über eine rüde Behandlung und Korruption. Russen andererseits befürchten eine Überschwemmung durch chinesische Handelstreibende. Jede Seite fühlt sich der anderen überlegen. An dieser Stelle könnten Protestanten diesseits und jenseits der Grenze Gutes tun.

Trotz einer kleinen chinesischen Gemeinde z.B. in Chabarowsk und einer großen Pfingstgemeinde in Moskau mit 600 Mitgliedern und einer Pastorin, steckt die grenzüberschreitende kirchliche Kooperation in den Kinderschuhen. Eine chinesische Geschäftsfrau hat für den Bau eines baptistischen Reha-Zentrums in Chabarowsk gespendet. Eine russische Kirchenagentur zielt auf Begegnungen zwischen Pastoren und Geschäfsleuten aus beiden Staaten auf russischem Boden.

Die Kirchen auf beiden Seiten verfügen über höchst unterschiedliche Mengen an Volk und Finanzen. Charbin, eine Stadt mit historischen russischen Beziehungen, bildet die Heimat von nicht weniger als 500.000 Protestanten. Doch das gesamte Rußland weist weniger als eine Million erwachsener Evangelischer auf – da haben die Chinesen mehr als das 75-Fache aufzuweisen. Bescheidene erste Schritte sind bereits unternommen; deren Fortsetzung setzt Fantasie und eine weitere Finanzierung voraus. Die Zeichen der Zeit stehen auf grün: Die euroasiatische Kooperation steht auf der politischen Tagesordnung in China und Rußland. Es ist mehr als sinnvoll, daß sich die Evangelischen außerhalb von EU und NATO auszutauschen beginnen.

Dr. phil. William Yoder
Smolensk, den 14. Juli 2017
“kant50(at)web.de”

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