07.10.2015

Der Donbass Ende September

Reportage über eine gescheiterte Reise

S m o l e n s k -- Am 19. September versuchte ich an zwei Grenzübergängen, von Rußland aus in die „Volksrepublik Donezk“ (DVR) einzureisen. Nach 13 Stunden war es am frühen Morgen vom 20. September soweit: Mein Begleiter, ein russischer Quäker aus Moskau, durfte nach Donezk weiterreisen – ich nicht. Der Grund war, daß ich weder einen Presseausweis noch eine Registrierung beim Presseamt in Donezk vorweisen konnte. Offensichtlich kommen in jüngster Zeit westliche Staatsbürger als Privatreisende nicht ins Gebiet. Allerdings kann ich der DVR ihr rigides Verhalten nicht verdenken – wie leicht hätten es loyale Bürger der DVR mit einer Einreise in die USA? Die russische Kontrolle bei der Ausreise aus Rußland ist streng. Ich vermute, die Russen nehmen damit der Grenzpolizei der DVR viel Arbeit ab.

Die russischen Grenzbeamten waren sehr korrekt – jene der DVR am ersten Übergang (Marinowka) ebenfalls. Bei der Warterei auf der ukrainischen Seite in Marinowka half uns der leitende Grenzoffizier sogar mit der Umstellung des Handys auf eine ukrainische Nummer. Nachher, zurück auf russischem Territorium, hat ein freundlicher Grenzsoldat bei vorgerückter Stunde ein Taxi bestellt. So konnten wir zum nächsten Grenzübergang fahren.

Mein Haupteindruck der Stimmung beim Grenzsoldaten und anderen Russen: „Laßt die bloß kommen, dann zeigen wir es ihnen.“ An Bewußtsein fehlt es nicht. Die Grenzstation Marinowka war im Juli 2014 Schauplatz von Kampfhandlungen; die Kriegsschäden sind noch erkennbar. Nach Angaben des Grenzsoldaten waren bewaffnete Einheiten des faschistoiden Rechten Sektors bis zur russischen Grenze vorgedrungen. Da verstehen die Russen keinen Spaß.

Was mir richtig gefiel, war die fehlende Animosität zwischen Russen und Ukrainern. Das läßt sich leicht sagen, denn dabei stellt sich die Frage: Wer im Grenzgebiet war Russe, und wer war Ukrainer? Die Ostukraine hatte schon immer offiziell eine russische Minderheit. Daß ein Reisender an der Grenze einen ukrainischen Paß vorzeigt, heißt noch lange nicht, daß er auch ethnisch ein Ukrainer ist. Ein ethnischer Russe könnte einen ukrainischen Paß besitzen, wie auch umgekehrt.

Zwischen Donbass und Russland war die Grenze – sowohl die geographische wie die ethnische – schon immer sehr verschwommen. So ähnlich muß es nach 1776 zwischen den USA und Kanada zugegangen sein. Wer gehörte eigentlich wohin? Amerikas Befreiungskrieg gegen England war auch ein Bürgerkrieg. Damals waren nach „Wikipedia“ rund 15-20% der Bevölkerung der US-Kolonien ausgewandert, sogar nach Florida. Ob man selbst Kanadier oder US-Amerikaner war, konnte jeder selbst entscheiden, denn äußerlich und akustisch waren die beiden „Völker“ nicht zu unterscheiden. Damals wie heute war die Entscheidung eher politisch als ethnisch-kulturell bedingt: Man ist das, wozu man sich bekennt. Dieses Scheiden der Geister gibt es jetzt in der Ukraine.

Der im April ermordete Kiewer Schriftsteller Oles Busina hatte stets behauptet, Ukrainer seien eine Unterteilung der Volksgruppe Russe oder „Rus“. „Ich bin Ukrainer, das ist eine Art Russe“. Das Phänomen gibt es längst in Deutschland: Ein Bayer ist nicht nur Bayer, er ist auch Deutscher. Bayern oder Schwaben sind ein Segment bzw. eine Unterteilung des Überbegriffs „Deutsche“. Und wieso sind die Österreicher keine Deutschen?

Was ist Sprache, und was ist Dialekt? Österreicher haben die deutsche Muttersprache, sind aber keine Deutschen. Ihr Österreichisch soll ein Dialekt und keine Sprache sein. Da sind sich die Belarusianer („Belarussen“ geht nicht) mit den Russen auch nicht völlig einig: Sind die „Belarusianer“ eine Unterteilung der Russen, oder eine völlig selbstständige Größe wie die Polen? Diese Streitfragen sind der Stoff, der bei Nationalisten zum Sprengstoff wird. Großmächte schlachten diese Meinungsdifferenzen zum eigenen Vorteil aus.

Kommen wir zur Ökonomie: Schon im Jugoslawienkrieg ging mir auf, daß der Krieg nicht alle arm macht. Nicht jeder in Donbass ist mittellos: Manche Autos am Grenzübergang würden auch in Moskau Eindruck machen.

Am 19. September wurde unser Reisebus aus Moskau erst nach 4,5 Stunden zur russischen Abfertigungshalle vorgelassen. Es hatte drei Fernbusse vor uns gegeben. Auf der DVR-Seite warteten fast 50 Lkws auf die Einreise nach Rußland. Da mußten diese Lkw-Fahrer mit mehreren Tagen rechnen. Da fehlt mir das Verständnis, der ökonomische Schaden müßte enorm sein. Auch die humanitäre Hilfe wird mitunter stark eingeschränkt.

Ein Lebenslauf, der mir zu denken gibt. Während der langen Nacht hatte Andrei Babitski, ein usbekischer Jude aus Donezk mit russischem Paß, an beiden Grenzübergängen auf uns gewartet. Er wollte bei den Grenzbehörden für mich eintreten. Während der beiden Tschetschenienkriege hatte er in Rußland wegen seiner Berichte zugunsten der Aufständigen als Volksverräter gegolten – siehe die englisch- oder russischsprachige „Wikipedia“. Bis zu seiner Kündigung Mitte 2014 war er ein Vierteljahrhundert lang ein leitender Osteuropakorrespondent des US-Staatssenders „Radio Liberty“. Nun versucht er als Freischaffender, in Donezk einen privaten Fernsehsender aus dem Boden zu stampfen. Warum dieser Umschwung? Er habe die Behandlung der Bevölkerung im Donbass durch die Westmedien als „sehr ungerecht“ empfunden, antwortet er schlicht. Ihnen will er nun eine Stimme verschaffen.

Erst recht seit den Pariser Gesprächen am 2. Oktober ist klar, daß die größeren Staaten in Ost und West einen heißen Krieg in der Ukraine nicht wollen. Ein Landweg für die pro-russische Seite nach der Krim ist nicht vorgesehen; an einer 19-Kilometer-langen Brücke wird kräftig gebaut. Für ein 26 km-langes Stück der Eisenbahnstrecke Rostow-Woronesch-Moskau, das von Kiew kontrolliertes ukrainisches Gebiet durchquert, wird eine Umgehung gebaut. Krieg scheint nur noch auf Sparflamme erwünscht. Vielleicht gerade deswegen könnte der neue Kalte Krieg noch kälter werden; darauf sollten Christen gefaßt sein und gegensteuern.

Am 22. September erhielt eine Baptistengemeinde in Krasni Lutsch im Gebiet Lugansk ungebetenen Besuch von der örtlichen Staatssicherheit der „Separatisten“. Finanzielle Angaben und Mitgliederlisten wurden verlangt. Der Vorfall wurde umgehend den kirchlichen Medien in Kiew gemeldet. Bei solchen Vorkommnissen wünschen die kiew-ukrainischen Kirchen in der Regel keine Hilfe bzw. „Einmischung“ aus Moskau – schließlich handele es sich um Kirchen auf ukrainischem Gebiet. Jedoch sind es nur russische Protestanten, die bei den Separatisten um Verständnis für die Protestanten des Donbass werben könnten. Separatisten sehen nicht zu unrecht die von Kiew aus geleiteten Kirchen als Gegner an.

Mein Freund von den Quäkern besuchte die Baptistengemeinde „Dom Ewangelija“ im Zentrum Donezks am 20. September. Er beschrieb die Gemeinde als freundlich und lebendig. Dort werden die regelmäßigen russischen Gäste und Helfer aus Krasnodar und Rostow gerne in Empfang genommen.

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Eine einzige protestantische Stimme gibt es nicht mehr

Seit dem 23. September ist die in Moskau beheimatete „Russische Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ nicht mehr Mitglied im führenden protestantischen Gremium des Landes: der 2002-gegründete „Konsultativrat der Leiter der protestantischen Kirchen Rußlands“. Die Bemühungen von Pfingstlern und Charismatikern, eine größere Anerkennung innerhalb der russischen Gesellschaft zu erreichen, erleben somit einen Rückschlag. Pfingstler und Charismatiker werden als die am meisten ausländische, protestantische Denomination des Landes angesehen; für eine verstärkte Anerkennung durch staatliche und orthodoxe Kreise waren sie auf die Zustimmung von Baptisten und Lutheranern angewiesen. Lutheraner und Baptisten werden noch am ehesten als traditionelle russische Religionen anerkennt - eine wichtige Feststellung unter Russen, die über das Eindringen westlicher Einflüsse unter christlichem Vorzeichen besorgt sind.

Eine einheitliche Stimme des russischen Protestantismus gibt es nicht mehr. Kirchenjournalist Roman Lunkin schreibt: „Ohne die Baptisten wird es dem Konsultativrat schwer fallen, sich als eine allrussische, protestantische Organisation zu bezeichnen.“ Die „Evangelisch-Lutherische Kirche“ bleibt Beobachterin im Konsultativrat, doch sein Erzbischof, Dietrich Brauer, äußert Verständnis für die baptistische Position.

Die RUECB schreibt in ihrer offiziellen Stellungnahme, daß Mitglieder des Konsultativrats „oftmals einen parteilichen Kampf innerhalb des Rats gefördert und somit den Mangel an Vertrauen und Offenheit vergrößert haben“. Und weiter: „Zahlreiche öffentliche Erklärungen -gemacht ohne die erforderliche Autorisierung im Namen aller Protestanten - haben persönliche und interkonfessionelle Beziehungen beschädigt.“ 

Kritische Beobachter behaupten, die “Vereinigte Russische Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ (ROSChWE) und deren Bischof, Sergei Rjachowski, hätten sich bemüht, als Erste unter Gleichen zu fungieren. Doch Baptisten und Lutheraner haben sich unwillig gezeigt, ihnen diese Rolle zuzugestehen. Obwohl Rjachowski der protestantische Leiter ist, der sich am dezidiertesten hinter die gegenwärtige russische Regierung gestellt hat, ergreifen Orthodoxe in diesem Streit für die Baptisten Partei. Sowohl Baptisten als auch Orthodoxe irritiert der superlaute Disco-Sound, der charismatische Gottesdienste ausmacht. Er hebt sich massiv von der leisen und nüchternen Gottesdienstform, die in Rußland üblich ist, ab. Das herkömmliche Pfingstlertum hat eine jahrhundertalte Tradition in Rußland. Doch dank missionarischer Bemühungen war wohl die Mehrheit der Mitglieder der heutigen ROSChWE noch nicht protestantisch zu Zeiten der Sowjetunion und verfügt deshalb über keine heimische Tradition. Der Stil der heutigen Pfingstler und „Neo-Charismatiker“ unterscheidet sich von dem früherer Zeiten in Rußland.

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Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 7. Oktober 2015
“kant50(at)web.de” oder “kant50(at)gmx.de”
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