27.09.2016

Die Weiterfahrt in entgegengesetzte Richtungen

Zur gegenwärtige Lage der Protestanten in Rußland

S m o l e n s k – Die Beunruhigung seit Verabschiedung der „Jarowaja-Gesetze“ bzw. des „Jarowaja-Pakets“ durch Wladimir Putin am 7. Juli ist beträchtlich: Zu einem Seminar des US-liierten „Slavic Legal Centre“ in der russischen Hauptstadt am 18. Juli sind 3.500 Interessierte – zumeist Protestanten – erschienen. „Die Gläubigen haben große Angst vor Strafzahlungen“, berichtete Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“, am 20. September. „Unsere Gemeinden sind oft sehr arm, und eine Strafe von 1.000 Rubeln (14 Euro) würde sie schon in helle Aufregung versetzen. Viele unserer Gemeinden versammeln sich noch in unregistrierten Bethäusern, die auf die Namen von Privatpersonen eingetragen sind. Nun sieht es so aus, als ob Gemeindefremde und Ausländer kaum Zugang zu solchen Gebäuden haben werden. Vieles bei der Auslegung der neuen Gesetze ist noch unklar, und gerade in der Provinz arbeiten unsere Polizeikräfte nicht sonderlich professionell. Es hat bereits einen Fall gegeben, bei dem Menschen davon abgehalten worden sind, im eigenen Gemeindehaus zu beten.“ In Samara/Wolga waren die Protestanten sehr verunsichert darüber, ob sie überhaupt noch eine Feier zum 140-jährigen Bestehen der russischen Synodalbibel durchführen dürfen. Dabei handelt es sich um ein staatlich gefördertes Projekt!

Der englische Informationsdienst „Forum 18“ berichtete, im ersten vollen Monat ihrer Geltung – August 2016 – seien sechs Personen anhand der Jarowaja-Gesetze verurteilt worden. Betroffen sind nicht nur Einzelgänger und Hari-Krischna, etablierte Baptisten-, Adventisten- und Pfingstgemeinden werden ebenfalls überprüft. 

Der Moskauer Pfingstler Sergei Filinow, Pastor der „Mission Lebendigen Glaubens“ und Vorsteher des Dachverbandes „Rat der christlich-evangelischen Kirchen“, weist darauf hin, daß ein Verbot missionarischer Tätigkeit als Verstoß gegen das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf Glaubensfreiheit ausgelegt werden kann. Nach seinem gegenwärtigen Verständnis läßt das Gesetz das Versammeln in Hausgemeinschaften zu wenn der Hauskreis einer eingetragenen Kirchengemeinschaft angehört und alle Teilnehmer aus dieser Gemeinschaft stammen. Doch in welcher Eigenschaft spricht ein Mensch, wenn er seinen Glauben kundtut, fragt der Pastor. „Das darf er im Namen seiner Kirche tun, doch nicht im eigenen Namen.“ Das hält er für Haarspalterei.

Es könnte durchaus sein, daß bald Auftritte von Ausländern bei religiösen Veranstaltungen mit nur einem Touristen- oder humanitären Visum der Vergangenheit angehören werden. Das würde höchstwahrscheinlich auch für ukrainische Staatsbürger gelten, die an sich visafrei nach Rußland einreisen dürfen. Man hört, ein geschriebener Vertrag zwischen einladender Organisation und Gastredner wird künftig erforderlich sein.  

Hier handelt es sich um den Versuch des Staates, die seit 1990 weitverzweigte und unübersichtliche Welt der religiösen Gemeinschaften in Rußland zu ordnen. Alle sollen Farbe bekennen, alle sollen eingeordnet werden. Man könnte behaupten, es handele sich um den Versuch, das in die Praxis umzusetzen, was die Gesetzgebung von 1997 bereits gefordert hatte. Hiermit geraten dezentral geführte Gemeinschaften wie die koreanischen Presbyterianer unter Druck. Es gibt ja keinen einzigen Presbyterianer in Rußland, der über einen relativ vollständigen Überblick verfügt. Das ist auch kaum verwunderlich, da es in Südkorea rund 112 selbständige presbyterianische Denominationen gibt. Die 1961 gegründete „Sowjet Tserkwei“, der nichtregistrierte “Internationale Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten”, will kein eingetragener Verein sein und hat aus Prinzip noch nie über offiziell-registrierte Gemeindehäuser verfügt. Er wird es einmal wieder darauf ankommen lassen.

Das Positive
Am 19. September hielt sich Witali Wlasenko in Samara mit der Absicht auf, Wogen zu glätten. Er betonte dort, daß der Abhaltung einer Jubiläumsfeier zur Bibelübersetzung nichts im Wege stünde. Er besuchte ferner den orthodoxen Metropoliten Sergii (Poletkin), der versprach, einen Vertreter zur Jubiläumsfeier zu entsenden. Nach Wlasenkos Angaben sagte der Metropolit ferner dem neuen Projekt, “Ich lese die Bibel”, seine volle Unterstützung zu. Auch das Projekt zur Bibellesung verfügt über eine starke finanzielle Unterstützung durch den Staat; beide Projekte sind bisher über die Abteilung für Außenbeziehungen beim Baptistenbund (Wlasenko) abgewickelt worden. Der Staat wird ferner ein Projekt im Reformationsjahr 2017, das von Erzbischof Dietrich Brauer und seiner “Evangelisch-Lutherischen Kirche” durchgeführt wird, stark unterstützen. (Noch sind die finanziellen Zahlen nicht öffentlich.) Einmal wieder sieht es so aus, als würde sich der russische Staat gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen bewegen. Restriktive Maßnahmen stehen einer finanziellen Förderung protestantischer und überkonfessioneller Projekte gegenüber.

Wlasenko betont dementsprechend, daß die neue Gesetzgebung nicht prinzipiell gegen die protestantischen Kirchen gerichtet sei: “Unser Staat ist selbstverständlich nicht gegen den christlichen Glauben.” Dieser Kirchendiplomat will konstruktiv Staat und Orthodoxie gegenüber auftreten. “Manchmal äußern Organisationen zu viel Kritik”, versichert er. “Wir wollen einen konstruktiven Dialog – Staat und Orthodoxie sind unsere Verbündeten. Wir wollen betonen, daß wir Russen sind und daß wir uns eins mit unserem Lande fühlen. Die Bibel lehrt uns, daß wir unseren Staatsvertretern gehorchen und sie respektieren sollten. Schwierig wird das nur, wenn sie im Widerspruch zur Bibel stehen.” Organisationen wie dem “Slavic Legal Centre” hält er vor, die tieferliegende Dynamik, die hinter den Jarowaja-Gesetzen steckt, zu übergehen.

Mein Kommentar: Klar ist, daß Staaten wie Rußland, China, Indien und die muslimischen Staaten Zentralasiens einen kirchlichen “Wildwuchs” wie etwa in Lateinamerika und Afrika verhindern wollen. Dort dürfen ja auch die kleinsten, westlichen Glaubensgemeinschaften und Sekten neue Filialen eröffnen. Vor wenigen Jahren begegnete ich in der Zentralen Baptistengemeinde Moskaus baptistischen Mitarbeitern der indischen Botschaft. Ich sprach sie auf die Tatsache an, daß Ausländer, die auf Touristenvisa nach Indien einreisen und dort predigen oder taufen, mit Einreisesperren von fünf Jahren rechnen können. Diese indischen Diplomaten fanden die Praxis in Ordnung. Man wehrt sich gegen die Überfremdung – in Osteuropa und vielen Teilen Asiens denkt man defensiv.

Die Zukunft
Pastor Wlasenko räumt ein, die Jarowaja-Gesetze hätten als “Rider”, als kleingedrucktes Anhängsel einer umfangreicheren Gesetzgebung, die Duma passiert. Nicht einmal die Duma-Kommission für religiöse Fragen wurde vorher konsultiert; trotzdem hat Präsident Putin die Sache paraphiert.

Seit den Wahlen vom 18. September gibt es nun eine neue Zusammensetzung der Staatsduma. Kirchenleiter wie Sergei Filinow hoffen, daß etwa Jaroslaw Nilow, Vorsitzender der Duma-Kommission für religiöse Fragen, eine Initiative zur Verbesserung und Präzisierung der Gesetzgebung startet. Der 1982 geborene Nilow ist ein bei Protestanten hochangesehener Vertreter der rechtsgerichteten Partei Wladimir Schirinowskis, die “Liberal-Demokratische Partei Rußlands” (LDPR). Putin selbst hat bereits mögliche Änderungen in Aussicht gestellt.

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Weitere Themen: Im Bus Smolensk-Minsk und in Kiew

Bei einer Busfahrt mit deutschen Friedensaktivisten von Smolensk nach Minsk am 17. August war ich bemüht, um Verständnis für die ukrainischen Protestanten zu werben. Ohne deren grundsätzliche politische Auffassungen teilen zu wollen, erklärte ich, daß viele Ukrainer einfach einen höheren Lebensstandard wollen – genau wie Russen auch. Sie wollen besser leben und sie wollen einen transparenten, demokratischen Staat. Wenn der Westen zu ihnen kommt, werden sie nicht mehr zu ihm ausreisen müssen. Das ist ja bequemer.

Doch zu Ende reden konnte ich nicht. „Das da in Kiew ist ein Verbrecherpack“, belehrte mich der deutsch-russische Busfahrer, der in Deutschland wohnt und die Reisepässe beider Staaten besitzt. „Wir sind alle ein Volk, alle Schwestern und Brüder. Wir sind alle Russen. Weißrussisch und Ukrainisch sind nur Dialekte des Russischen.“ EU und USA hätten die Wirtschaften der Länder der ehemaligen Sowjetunion – bis auf Belarus - ruiniert. Es seien die USA, die uns – teile und herrsche – aufeinander gehetzt haben. „Aber die Zeit wird kommen, nachdem die USA und ihre Büttel abgezogen sind, daß wir wieder zueinander finden.“

Hinterher durchfuhr der deutsche Reisebus den Osten Minsks in südwestlicher Richtung auf dem „Prospekt der Unabhängigkeit“. Die Häuser und Parkanlagen sahen atemberaubend schön aus. Die deutschen Gäste und ich kamen aus dem Staunen nicht heraus.

Anders erklang es beim Gespräch einer Delegation der „Europäischen Baptistischen Föderation“ und des „Baptistischen Weltbundes“ mit dem ukrainischen Staatspräsidenten Petro Poroschenko in Kiew am 25. August. Laut EBF hatte Poroschenko dabei vorgeschlagen, daß „protestantische religiöse Organisationen nicht nur eine wichtige Komponente der geistlichen und sozialen Unterstützung unserer Armee an der Front“ bilden, sondern auch „die Verwundeten und die Familien der Opfer versorgen“.

In seiner Erwiderung versicherte der südafrikanische Präsident des Weltbundes, Paul Msize: „Wir sind heute da, um den Ukrainern unsere Solidarität zu bekunden.“ Bei ihrem Kiewer Besuch wohnte die hochrangige baptistische Delegation u.a. einer Militärparade bei.

Ein Nachtrag zum Gespräch im Reisebus: Die Abspaltung der „Westukrainer“ bzw. Galizier vom restlichen Ostslawentum haben sich die US-Amerikaner nicht ausgedacht. Sie reicht ins Mittelalter zurück und trat mit der Gründung der griechisch-katholischen Kirche1593 deutlich zutage. Heute wie früher bedienen sich ausländische Mächte dieses alten Gefälles für ihre eigenen Zwecke. Doch kann man vor 1920 überhaupt von einer klar definierbaren „Ukraine“ sprechen? Wäre es nicht historisch korrekter von „Polen“, „Galizien“, „Groß-„, „Klein- und Weißrußland“ zu reden? Wo keine eindeutige, abgegrenzte Nation besteht, kann sie auch nicht gespalten werden.

Meine Andeutung im Bus, daß sich Osteuropäer für das Zuhausebleiben entscheiden sobald ihre Länder selbst Westen geworden sind, stimmt so nicht. Dem lettischen Außenminister Edgars Rinkēvičs wird nachgesagt, das Hauptproblem seines Landes als ein zweifaches beschrieben zu haben: Neben der Auswanderung der eigenen Jugend nach Westeuropa gäbe es eine massive Einwanderung der Ukrainer. Im Jahre 2016 haben die Polen die Inder als die größte im Ausland geborene Minderheit im Vereinigten Königreich überholt: mehr als 800.000.

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Einmal wieder Juri Sipko

In seinem Facebook-Aufsatz vom 6. September, verfaßt während seines letzten Aufenthaltes in der Ukraine, forderte Juri Sipko die im Donbass regierenden „Separatisten“ zu einem einseitigen Strecken der Waffen auf. (Sipko ist der in Moskau lebende, ehemalige Präsident des russischen Baptistenbundes, 2002-2010.) Alle - wohl ausländischen - Soldaten sollen abgezogen werden, die Straßensperren aufgehoben und die Grenzkontrollen internationalen Instanzen überlassen werden. Er bezeichnet die Separatisten ferner als „Hooligans“ und versicherte, der Donbass sei „überfallen worden“. Ein Zitat: „Ich habe mich nochmals davon überzeugen lassen, daß die Versuche, der Ukraine die ‚Russische Welt’ (‚Russkii Mir’) aufzuzwingen nicht nur ein Irrtum sondern auch ein Verbrechen sei.“

Auf Facebook gab es mehr als 200 Reaktionen auf den Aufsatz, die meisten davon ukrainisch und sehr positiv; Sipko wurde als Friedensstifter gelobt. Zu den Gratulanten gehörten Serhii Moroz von der Baptistenzentrale in Kiew sowie zwei der vehementesten, protestantischen Verfechter der (west)ukrainischen Sache: der Baptist Michail Tscherenkow (es bestehen verschiedene Schreibweisen) und der Pfingstler Gennadi Mochnenko. Dagegen hielten mehrere zumeist in Rußland lebende Personen. Wadim Drosdow aus Kemerowo/Sibirien versicherte, der ehemalige Baptistenpräsident spalte den Baptismus: „In Rußland teilen nur sehr wenige Brüder seine Meinung zur Ukraine.“

Mein Kommentar: Ein versuchtes Friedenswerk wie das Minsker II-Abkommen von Februar 2015 ist bemüht, die Anliegen und Interessen beider Seiten aufzugreifen und ernstzunehmen. Genau das tut Juri Sipko aber nicht. Nur die Anliegen der einen Seite seien legitim. Bei Sipko und anderen Vertretern der (west)ukrainischen Sache bleiben u.a. die geostrategischen Interessen Rußlands außen vor.

Noch sind viele Einschätzungen eindimensional und eng: Im Rahmen dieser Facebook-Diskussion meinte einer, das Gesetzpaket Jarowaja würde beweisen, daß Gott auf der Seite Kiews stünde. Ein solches Kriterium würde jedoch Diktatoren reinwaschen, die relativ gelassen mit dem Evangelisieren umgegangen sind – die Nazis z.B.

An sich ist erfreulich, daß in diesen Facebook-Beiträgen „Zweifler“ mehrmals aufgefordert werden, den Gemeinden der Ukraine einen Besuch abzustatten. Darauf erwiderte Wadim Drosdow: „Mir teilten Christen in der Ukraine mit, ich würde nicht nach Hause zurückkehren, falls ich versuchen würde, ihnen einen Besuch abzustatten.“ Leider muß man das ihm abnehmen, denn es sind auch andere Fälle bekannt, in denen „Zweiflern an der Sache Kiews“ im Falle von Besuchen physische Gewalt oder Verhaftung angedroht worden sind. Andersherum gibt es einen regen und freundschaftlichen Austausch zwischen Baptisten im Donbass und in den angrenzenden Gebieten Rußlands.

Im Juli und August hat eine christliche Musikgruppe aus der Ukraine Deutschland erstmals bereist. Beim Wiedersehen fielen mir manche Teilnehmer um den Hals. Das tat gut! Der Leiter der Gruppe, ein alter Bekannter, erklärte mir: „Die Politik ist immer ein schmutziges Geschäft, davon halten wir möglichst viel Abstand.“ Also trägt man zum Frieden bei, in dem man die gesamte Problematik umschifft – vielleicht gibt es auch keine bessere Option. Offensichtlich ist das Verständnis von Evangelium, worüber wir verfügen, nicht stark genug, um dem Haß zu widerstehen. Wir können es nicht besser als die anderen, „weltlichen“ Menschen.

Solange sich auch Russen am protestantischen Gespräch zum Thema Ukraine beteiligen, möchte ich jedoch nicht die Hoffnung aufgeben, daß aus diesem Wirrwarr ein gewachsenes Verständnis mit mehr Klarheit für die Komplexität politischer Fragen entsteht. Drosdow, ein pensionierter Laienprediger mit politischem Sachwissen, der mehrere Jahre im Gulag verbrachte, reagiert etwas emotionell. Der Hochschuldozent Michail Newolin aus St. Petersburg zeichnet sich durch größte Vorsicht und Sachlichkeit aus. Sipko kritisierte er in diesen Beiträgen wegen mangelnden Sachwissens und der Nutzung von Verallgemeinerungen wie „nirgendwo in der Welt“ oder „niemand auf der Welt“.

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Yoder: Das Grübeln eines frischgebackenen Rentners

Ist es sinnvoll, wiederholt die Sünden der „anderen Seite“ aufzuzählen? Von ukrainischer Seite werde ich aufgefordert, auf das Negative zu verzichten; mir stünde es nicht zu, ein Urteil über das sich in der Ukraine Abspielende zu fällen. Sollte ich also eine einsame Vorleistung erbringen und nur Positives  berichten?

Das Negative wird von der ukrainischen Seite immer wieder aufgezählt - ich tue das auch. Worum geht es: daß jener mit dem längsten Sündenregister irgendwann zum Sieger erklärt wird? Aber wir brauchen kein Entscheid zur Feststellung der relativen Tugendhaftigkeit konkurrierender, globaler System. Uns fehlen objektive Meßlatten; es genügt, wenn wir dort, wo wir leben, Gutes tun und der Stadt Bestes suchen.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten
Wie weit hätte es die militärische Aufrüstung des Westens im Kalten Krieg gebracht ohne Berichte über die Glaubensverfolgung in kommunistisch-reagierten Staaten? So wird Schlechtes in Gutes (?) verwandelt. Für solche, die der Russischen Föderation „eins überbraten wollen“, sind die Jarowaja-Gesetze eine höchst willkommene Entwicklung. Sie helfen, die Propagandamühlen zu speisen.

Aber das machen natürlich die Freunde Rußlands und aller weiteren, alternativen Systeme nicht anders. Das ist die Allgemeinpraxis: Man verwendet die Sünden der anderen Seite, um die eigene Sache zu fördern. Und man steigert die „positive“ Wirkung dieser Praxis, in dem man die Verfehlungen der anderen Seite überzeichnet.

Vielleicht könnte man wie folgt verbleiben: Unsere Kritik ist kein Verdonnern, sondern Anfrage. Auf Anfragen sind sachliche Antworten immer erwünscht. So kommen wir weiter.

Nicht selten habe ich den Eindruck, sehr vieles in der protestantischen, russischsprachigen Welt würde im Verborgenen bleiben, wenn sich nicht zumindest ein paar Beobachter in englischer Sprache meldeten. Die Kirchen des Westens brauchen einen größeren Informationsfundus. Informationen sind der Entscheidungsstoff; ohne sie tapsen wir im Dunklen. Sowohl russische wie ukrainische Verfehlungen müssen erörtert werden. Es ist aber auf jeden Fall wichtig, daß wir dabei einen fairen, anständigen, dem Christentum würdigenden Stil wahren.

Der Exzeptionalismus
Ich meine, ein Haupthindernis für die freie Wirkung des Heiligen Geistes unter uns ist die nicht auszumerzende Überzeugung von der eigenen, besonderen Tugend. In diesem Zusammenhang werden die USA immer wieder wegen ihres Glaubens an den eigenen „Exzeptionalismus“ kritisiert. Gerade die USA haben seit etwa Ende des Korea-Krieges 1953 Millionen von Kriegstoten auf dem Gewissen. Da hat die ehemalige Sowjetunion im selben Zeitraum viel weniger Tote zu verantworten, auch trotz der Verluste im 1989 abgebrochenen Afghanistankrieg.

Das schlimme Leiden der Christen - und vieler Marxisten - in der stalinistischen UdSSR war beklagenswerter Weise nicht einzigartig, keine einmalige Erscheinung. Die Urvölker Nord- und Südamerikas u.a. mußten ein Genozid aus weißer, christlicher Hand über sich ergehen lassen. Denken wir auch an die Millionen von Toten durch die Kriege und Sanktionsmaßnahmen in Nah- und Fernost (Irak und Vietnam z.B.) seit 1953.

Gewiß: Die meisten Staaten des Westens genießen einen relativ hohen Lebensstandard ohne schreiende Armut. Die Kapitalisten schlafen eben nicht: Sklaverei und Hungerlöhne haben sie in die „sweat shops“ von Asien und Afrika exportiert. Da erhebt sich die Frage, in welchen Maße westlicher Reichtum durch Ausbeutung des Südens ermöglicht wird.

Diese selektive moralische Entrüstung sichert uns westlichen Christen den Vorwurf der Heuchelei und macht uns zur Zielscheibe höhnischer Ablehnung. Das zerstört unsere Glaubwürdigkeit in einem Maße, das nicht einmal Heerscharen von Missionaren wiedergutmachen können. Und nun wollen sich die Völker Zentraleuropas gerade dieser westlichen Tradition anschließen. Da kann man immer wieder nur mit dem Wort aus Römer 3,23 appellieren: Wir „sind allesamt Sündern und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“

570 Wörter

Ein Nachtrag
Im letzten Aufsatz vom 15. Juli sprach ich von einer Überdramatisierung von Mißständen u.a. durch die selbständigen Missionsgesellschaften des Westens. Als Beispiel dafür gab ich die Missionsgesellschaft “Open Doors” an. Damit ist eine leitende Person der „Deutschen Evangelischen Allianz“ nicht einverstanden. Deshalb möchte ich auf die ursprüngliche Stellungnahme der Allianz hinweisen, siehe Meldung der Ev. Allianz vom 21.6.2016: “http://www.ead.de/nachrichten/nachrichten/einzelansicht/article/deutschland-leben-christliche-fluechtlinge-in-einem-klima-der-angst.html”.

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Dr. phil. William Yoder
Smolensk, den 27. September 2016

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