11.05.2017

Die Zeugen Jehovas und die Zukunft Rußlands

Wie “anti-westlich” sind die Kirchen?

Kommentar

M o s k a u – Der protestantische Widerstand gegen das Verbot der Zeugen Jehovas Anfang April ist auch in Rußland nahezu einhellig. „Wehret den Anfängen“ denkt man, und die Argumentation folgt im Wesentlichen dem berühmten Zitat Martin Niemöllers von 1946: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

In Omsk am 22. April meinte der protestantische Kirchenhistoriker Konstantin Prokhorow: „Bis auf einige orthodoxe Extremisten höre ich keine einzige Stimme, die das Verbieten der Zeugen Jehovas gutheißt. Alle treten für sie ein, obgleich es erhebliche theologische Unterschiede zwischen uns gibt. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, denn die Russen verhalten sich häufig sehr mißtraurisch gegenüber ‚westlichen Sekten’. Mit klugen und sehr christlichen Worten hat auch der prominente orthodoxe Theologe Andrei Kurjaew das Verbot kategorisch abgelehnt. Das stimmt mich sehr froh. Wir müssen auch vor Augen halten, daß nahezu alle öffentlichen Organisationen einschließlich der russischen Orthodoxie über einen radikalen Rand verfügen.“

Der US-Amerikaner Bradn Buerkle, ein Dozent der „Evangelisch-Lutherischen Kirche“ (einst ELKRAS) an ihrem Seminar in Nowasaratowka unweit von Petersburg, sagte aus, daß eine klammheimliche Freude über das Verbot der lutherischen Haltung nicht entspricht. „Im Allgemeinen bedauern Lutheraner, daß es eine generelle Glaubensfreiheit nicht mehr gibt. Doch weil wir als eine traditionelle Konfession eingestuft werden, sind wir in dieser Frage nicht direkt betroffen.“ Die lutherische Kirchenleitung ist vorsichtig und „verfügt über keine Bereitschaft, sich zu erheben und festzustellen, daß diese Maßnahme verfassungswidrig ist. Doch sollten die Zeugen Jehovas über die Freiheit zur Ausübung ihrer Religion verfügen wenn sie für die Gesellschaft keine Gefahr darstellen – und das tun sie eben nicht.“

Eine Nachricht, die sich auf Igor Kowalewski, den Generalsekretär der russischen „Konferenz (römisch) katholischer Bischöfe“ bezieht, trug den Titel: „Die Zeugen Jehovas mögen Ketzer sein, aber sie sind keine Extremisten.“ Der Staat habe die Aufgabe, zwischen theologischen Fragen und juristischen Rechtsansprüchen zu unterscheiden.

Es gibt wahrscheinlich genügend Grund zur Besorgnis. Denn die Zeugen Jehovas sind letztlich nur eine besonders extreme Erscheinung dessen, was wir Baptisten und Protestanten auch sind: eine größtenteils westlich gegründete und finanzierte Bewegung. Prochorow sieht das etwas anders. In seinem 2017 im Moskauer St.-Andreas-Verlag erschienenen Werk, “Russki Baptism i Prawoslawie“, weist er auf die orthodoxen und molokanischen Wurzeln der russischen Baptisten hin. Vor allem bis zur Perestroika beschreibt er sie als eine im wesentlichen nichtreformatorische Bewegung, die anhand ihrer westlich-inspirierten und von oben nach unten durchgegebenen Glaubenskonfessionen nicht beurteilt werden darf. Doch nach meiner Sicht sprechen die großen Emigrationswellen seit den 1920er Jahren sowie etwa die baptistische Unionsspaltung vom August 1961 für eine eindeutige Bevorzugung westlicher Optionen.

Unsere ungeschriebenen Annahmen sind häufig zutiefst parteilich und pro-westlich. Kürzlich beschwerte sich ein russischer Protestant darüber, daß die Gläubigen Rußlands zunehmend der russischen Staatspropaganda auf den Leim gehen. Sind jedoch die Gläubigen des Westens von der Propaganda weniger gefährdet – oder gibt es sie dort vielleicht gar nicht? „Propaganda“ ist ein höchst inflationärer und dazu noch diffuser Begriff. Mit der Gefährdung meine ich eine pauschale, nicht hinterfragte Akzeptanz der Darstellungen der eigenen Hauptmedien – und das ist beileibe nicht nur in Rußland eine ernstzunehmende Frage.

Abgesehen von äußerst totalitären Kontexten, sollte man den Gang der von Niemöller beschriebenen Repressionsstufen nicht als unvermeidbar hinnehmen. Protestanten können Maßnahmen ergreifen, die den Gang der Dinge in Rußland beeinflussen. Bis auf radikal extremistische Perioden wie den Großen Terror (etwa 1936-40) haben die kommunistischen Regierungen in der Regel zwischen „guten“ und „schlechten“ Christen unterschieden. Im Jahre 1956 verlieh der sowjetische Staat dem „guten“ Christen Martin Niemöller den Leninschen Friedensorden.

Die einst ostdeutsche Autorin Daniela Dahn wies 2013 darauf hin, daß die Pfarrerstochter und Kanzlerin Angela Merkel in der DDR im Fachbereich Physik promovieren durfte. Ihr Bruder und Physikerkollege Markus Kastner arbeitete Ende der 80er Jahre im höchstgeheimen sowjetischen Kernforschungszentrum in Dubna nördlich von Moskau. Da konnte sich Dahn die bissige Bemerkung nicht verkneifen: „Das zeigt, daß Pfarrerskindern, wenn der Vater nur den richtigen Glauben hatte, durchaus alle Wege geebnet werden konnten.“ Bekanntlich verfügte die DDR sogar über eine eigene CDU.

Die sowjetische Ordnung war in mancherlei Hinsicht verwerflich. Doch schon ein Blick auf den Bericht der englischsprachigen Fassung der Wikipedia über die Folterpraktiken der USA im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis – oder über verwüstete Länder wie Nordkorea, Vietnam, Laos, Kambodia, Libyen, Syrien, Afghanistan – macht einen äußerst zögerlich bezüglich aller globalen, westlichen Verlautbarungen über die Staatsmoral. Wer kann mit Sicherheit behaupten, daß die liberal-demokratische Ordnung des Westens über einen moralischen Vorsprung über andere Staatsformen verfügt? Wo und wie wollen wir die Meßlatte anlegen? Es geht bei weitem um mehr als allein die Glaubensfreiheit.

Die christliche „Masse“, die auf die USA setzt, setzt auf ganz wenige Pferde und steht somit in großer Gefahr, die Fehler des Ersten Kalten Krieges zu wiederholen. Noch wichtiger: So zerstören sie die Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens in den Augen jener Millionen, die leiden oder sterben an den Folgen westlicher Außen- und Wirtschaftspolitik. Die Annahme, die USA und ihre europäischen Verbündeten seien moralischer als die restliche Menschheit – daß die Habenden der Welt moralischer seien als die Nichts-Habenden – ist Ketzerei.

Wenn es uns um die Glaubwürdigkeit des Evangeliums geht, dann können wir nur immer wieder den Vers Römer 3,23 hochhalten: „Sie sind ALLESAMT Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“

Martin Niemöller dachte unkonventionell. Seine Aussage anno 1982 paßt schlecht zum 500. Jahrestag der Reformation: „Jetzt bin ich davon überzeugt, daß die Reformation der Kirche von Osten her entstehen wird. Im Westen gibt es kein geistliches Leben. (Hier rede ich von der evangelischen Kirche, nicht von der römisch-katholischen.) Wir verfügen über eine Zivilisation und wollen die Kultur hochleben lassen, doch wir sind ohne geistliches Leben. Der Osten verfügt über ein geistliches Leben. Sie verstehen, daß die Farbe den Geist stärker beeinflußt als schwarze Linien.“ (Rückübersetzung aus dem Englischen.)

Vielleicht würde Konstantin Prokhorow dem zustimmen. In spannungsreichen Zeiten zwischen Ost und West könnte er sich vorstellen, daß sich russische Orthodoxe und Protestanten „einmal wieder“ im Widerstand gegen einen westlichen Gegner zusammenschließen.

Dr. phil. William Yoder
London, den 11. Mai 2017
“kant50(at)web.de”

Für diese journalistische Veröffentlichung ist allein der Verfasser verantwortlich. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, die offizielle Meinung einer Organisation zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden, wenn die Quelle angegeben wird. Meldung 17-05, 1.011 Wörter.