25.05.2018

Doch noch für Überraschungen gut

Peter Mitskewitsch neuer Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten

M o s k a u – Am 22. März bei der Moskauer Versammlung der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten wurde Peter Walterowitsch Mitskewitsch zum neuen Präsidenten gewählt. Er folgt Alexei Smirnow, der ab 2010 zwei Amtszeiten als Präsident absolviert hatte. Der 1959 geborene Peter Mitskewitsch ist sehr wahrscheinlich der am besten ausgebildete Präsident in der Geschichte dieser Baptistenunion. Nach einem Jahrzehnt als Arzt und Pastor im Nebenamt, begann er 1992 mit einem Studium am „Dallas Theological Seminary“. Fünf Jahre später schloß er sein Studium mit einem theologischen Magister ab. Mitskewitsch hat ein Großteil seines Lebens im Moskauer Raum verbracht und dient seit 2004 als Leitender Pastor der Golgatha-Gemeinde im Norden der Stadt. Er verfügt über weitreichende Erfahrungen in den Spitzengremien; in den letzten 16 Jahren diente er entweder als Vizepräsident oder als Leitender Vizepräsident dieser Union. Pastor Mitskewitsch ist nicht unterbeschäftigt: Zumindest vorerst bleibt er Rektor des bundesleitenden „Moskauer Theologieseminars“, einen Posten, den er seit 2007 innehat, sowie Pastor der Gemeinde Golgatha.

Wenige Familiennamen sind „baptistischer“ als der Name Mitskewitsch. Sowohl sein noch lebender Vater, Walter, sowie sein Großvater Artur (1901-1988) verfügten über leitende Positionen in der Baptistenunion der Sowjet-Ära. Artur wurde 1935 aufgrund seines Glaubens verhaftet und zwei Jahre später nach Sibirien deportiert. Im Jahre 1942 wurde er nochmals inhaftiert. Nach seiner Entlassung drei Jahre später diente er als Leitender Pastor in der Ukraine ab 1946. Er war Stellvertretender Generalsekretär der gesamten Union in Moskau von 1966 bis 1974.

Peter Mitskewitsch hat sich längst als Kirchendiplomat bewährt. Er spricht ein hervorragendes Englisch und ist im Umgang mit Fremden geübt. Aufgrund seines Studiums und der Jahre als Leiter eines Seminars verfügt er über weitverzweigte Beziehungen in den Kirchen des Westens. Wenn es überhaupt jemanden gibt, der finanzielle Kanäle und Kontakte zur westlichen Welt am Leben erhalten kann, dann ist das Pastor Mitskewitsch. Eine verheiratete Tochter lebt in Texas.

Als Kirchendiplomat ist damit zu rechnen, daß dieser Nicht-Calvinist alles in seiner Macht Stehende unternehmen wird, um den traditionalistischen Flügel und den neuen (seit 1990) vorhandenen calvinistischen Flügel unter dem Dach einer einzigen Union zu behalten. Ein vorsichtiger Leiter, ist er jedenfalls bisher nicht wegen Innovation oder Kreativität aufgefallen. Beobachter rechnen nicht mit baldigen Überraschungen. 

Dennoch läßt sich der neue Leitende Vizepräsident als Überraschung einstufen: Wiktor Wladimirowitsch Ignatenkow dient seit Jahren als Leitender Pastor einer RUECB-Gemeinde in Smolensk. Smolensk befindet sich kurz vor der Grenze nach Belarus, 420 km westliche von Moskau. Präsident und Leitender Vizepräsident des Baptistenbundes gehören jeweils zur erweiterten Familie des anderen: Der Sohn von Mitskewitsch ist mit der Tochter von Ignatenkow verheiratet. (Doch damit will der Verfasser niemandem Vetternwirtschaft vorwerfen.)

Sowohl der scheidende Leitende Vizepräsident, Sergei Sipko, sowie sein Vorgänger, Jewgeni Bachmutski, bleiben in Moskau als Pastoren von neuen Gemeindegründungen. Scheidender Präsident Alexei Smirnow bleibt Pastor innerhalb der größtenteils unregistrierten Baptistengemeinschaft in Dedowsk westlich von Moskau.

Berichten zufolge setzt die neue Baptistenleitung auf neue Gesichter und einen wegen Finanzen abgespeckten Mitarbeiterstab in der Zentrale. Ein neuer Direktor für Außenbeziehungen, der den scheidenden Sergei Below zu ersetzen hat, ist noch nicht ernannt worden. Er folgte Witali Wlasenko, der von 2006 bis 2017 diese Funktion innehatte. Wlasenko ist heute Internationaler Botschafter der Russischen Evangelischen Allianz.

Eine geballte Ladung neuer Aktivitäten - Kommentar
Bedauerlicherweise war die Baptistenunion der Ukraine beim Moskauer Kongreß nicht offiziell vertreten. In einem Brief an Moskau aus Kiew hatten die Ukrainer die russische Seite gebeten, sich für eine Stellungnahme auf dem Sankt-Petersburger Kongreß vor vier Jahren zu entschuldigen. Verfaßt nur wenige Wochen nach dem Maidan und dem dramatischen Sturz der Regierung Janukowitsch, hatte die Stellungnahme vom 30. Mai 2014 die theologische Rechtfertigung für einen von der Straße initiierten Staatsstreich in Frage gestellt. Darin hieß es: „"Wir fühlen uns der biblischen Lehre verpflichtet, die den gewaltsamen Sturz einer legalen Staatsmacht und den Nationalismus ablehnt und eine Lösung sozial-politischer Differenzen nur auf dem Wege von politischen Verhandlungen erlaubt“ (siehe unsere Meldung vom 24. Juli 2014.)

Wohl deshalb brachte der ehemalige RUECB-Präsident Juri Sipko auf dem diesjährigen Kongreß den Vorschlag ein, sich von der Stellungnahme vor vier Jahren zu distanzieren. Sipko ist als Verfechter abweichender Positionen bekannt. Doch der Vorschlag scheiterte bzw. soll bei der nächsten Sitzung des Unionrats im kommenden Herbst ausdiskutiert werden. Stattdessen wurde am 21. März ein Brief an Wladimir Putin verabschiedet, der ihm zu seinem Wahlsieg gratulierte. Darin heißt es u.a.: „Gott hat Sie zum Präsidenten Rußlands gemacht, eines einmaligen Landes mit einer großen und glorreichen Vergangenheit. Dank Ihres Wirkens und des Wirkens Ihres Teams von Experten, ist Rußland wieder zu einem starken Land mit einer festen und klaren Position in der gesamten Welt geworden. . . . Die Einheit Rußlands wird immer stärker und echter. Ich bin sicher, Sie werden sich weiterhin den traditionellen geistlichen und moralischen Werten verpflichten fühlen. Gemäß des Wortes Gottes, der Bibel, werden die Gemeinden der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten Sie mit ihren Gebeten unterstützen. Wie bisher werden sich unsere Brüder und Schwestern alle Mühe geben, nicht nur das himmlische Reich, sondern ebenfalls ihr irdisches Vaterland – Rußland - aufzubauen.“

Noch am selben Tag meldete sich Igor Bandura, der Stellvertreter des ukrainischen Unionspräsidenten, auf Facebook mit der ironischen Bemerkung, dies sei „ein Beispiel mehr für das unpolitische Christentum nach dem Verständnis der RUECB. Traurig.“ Bereits vier Jahre zuvor hatten die Ukrainer gegen einen Brief der RUECB protestiert, der Putin wegen seiner Unterstützung traditioneller moralischer Werte lobte. Die Ukrainer hatten dem geschiedenen russischen Präsidenten vorgeworfen, diesbezüglich ein Heuchler zu sein – was uns heute an Donald Trump erinnert. Auf Facebook am 30. März wies Juri Sipko darauf hin, daß sein Sohn Sergei, der scheidende Leitende Vizepräsident des Bundes, den Brief vom 21. März an Putin nicht unterstützt hatte.

Besonders erstaunlich wirkt deshalb der Besuch der Leitung der RUECB beim Bund in Kiew am 24. und 25. April. Das war der erste Besuch der Leitungsspitze der beiden Unionen auf russischem oder ukrainischem Boden seit vier Jahren. Beim Moskauer Kongreß hatten die Delegierten bestimmt, daß die RUECB-Leitung einen Besuch nach Kiew zu unternehmen hatte.

Angesichts des Vorspiels, läßt sich der Besuch der beiden Unionen durchaus als Durchbruch bezeichnen. Gerade auch deshalb sind manche Beobachter optimistisch. In der ukrainischen Pressemeldung rufen die Russen ihrerseits – wie üblich – für die Wiederaufnahme von Beziehungen und eine breitgefaßte Zusammenarbeit auf. Die Ukrainer ihrerseits fordern „eine objektive und wahrhafte Berichterstattung über Ereignisse in allen Fällen“. Der Angriff der Meldung auf „Zombifizierung“, „Hybridismus“ und „Post-Wahrheit“ richtet sich offensichtlich gegen alle, die Verständnis für die Position des russischen Staates äußern. Die Russische Union – abgesehen von den Briefen an Putin! – bleibt weniger politisch und betont die Notwendigkeit einer Kooperation zwischen Russen und Ukrainern zwecks des missionarischen und humanitären Auftrags. Ukrainische Baptisten bleiben davon überzeugt, daß sie die Opfer einer Aggression sind – obwohl Menschen weiter östlich die ursprüngliche Aggression im Maidan-Aufstand erkennen.

Die Pressemitteilung der RUECB über den Kiewer Besuch berichtet von einer aufgekommenen Nostalgie bezüglich glücklicher Zeiten in der Sowjet-Ära, in denen die beiden Unionen noch eine Einheit bildeten. Artur Mitskewitsch z.B. hatte jahrelang als Pastor in der Ukraine gedient und verbrachte seine Jahre im Ruhestand bis zu seinem Tode in Kiew. Die Mitteilung fügte hinzu: „Wir waren uns einig in unserer Sorge bezüglich der Verantwortung der Kirche für die Stiftung von Frieden zwischen den Kriegsparteien durch Gebete, gute Werke und das Wort Gottes . . . . Wir rufen alle Nationen dazu auf, sich mit Gott und einander zu versöhnen.“ Es ist erfreulich, daß auch die Meldung der ukrainischen Seite zu einer friedlichen Lösung des Konflikts in der Ost-Ukraine aufruft.

Bald nach der Kiewer Begegnung besuchte am 14. Mai eine von Peter Mitskewitsch geführte Delegation der RUECB die junge „Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten auf der Krim“. Die Baptistengemeinden auf der Halbinsel sind etwa 50-50 gespalten in der Frage, ob sie der Unionsleitung in Kiew oder Moskau unterstehen. Signifikant ist die Tatsache, daß sich die besuchte Union nach Kiew richtet. Andere Gemeinden sind bereits in der RUECB aufgenommen worden.

Am 27. März leerten Militärkräfte eine Kapelle der nichtregistrierten Baptisten in Stachanow, einer Stadt in der pro-russischen „Volksrepublik Lugansk“. Sie ließen sogar die sanitären Anlagen mitgehen. Solche Vorfälle sind zweifellos meistens darauf zurückzuführen, daß ukrainische Baptisten von den östlichen Machthabern als unverbesserlich pro-westlich eingestuft werden. Die Beziehungen zwischen Protestanten und dem Staat im östlichen Donbass werden sich bessern erst in dem Falle, daß die ukrainischen Baptisten verstärkt zu einer überparteilichen Haltung übergehen.

Dr. phil. William Yoder
Chabarowsk, den 24. Mai 2018
“kant50(at)web(dot)de”

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