30.12.2018

Eine Kirchengemeinschaft mit gefährdeter Zukunft

Zur Lage der „Evangelisch-Lutherischen Kirche Augsburgischer Konfession“

K a l i n i n g r a d -- Nach dem Austritt von fünf der rund acht Bischöfen innerhalb der letzten 20 Monate, scheint die in Moskau beheimatete „Evangelisch-Lutherischen Kirche Augsburgischer Konfession“ (ELZAI auf Russisch) vor der Auflösung zu stehen. Von den einst fast 40 Ortsgemeinden sind nur noch sechs geblieben: Irkutsk, Barnaul, zwei Moskauer Gemeinden, Wladimir und Kaliningrad. Auch Gemeinden der ersten Stunde wie Rjasan, Kaluga und Woronesch sind ausgeschieden und bemühen sich heute, unter anderen kirchlichen Schirmen erneut ein legales Dasein zu erreichen.

Seit der letzten Moskauer Synode am 7. und 8. November 2018 ist nicht einmal der Gründungsvater, der seit 2015 in Kaliningrad wohnende Wladimir Sergejewitsch Pudow, mit von der Partie. Den gegenwärtigen Zustand beschreibt er als „Fiasko“. Bei der November-Synode wurde der Moskauer Pawel Begitschew in seinem Amt als Metropolit der Altkatholischen Kirche bestätigt ohne seine Funktion als Bischof und „General-Ordinarius“ der ELZAI preisgeben zu müssen. Das nennt Wladimir Pudow Unsinn: „Wie soll ich den Orthodoxen erklären, daß es unter unseren Bischöfen einen altkatholischen Metropoliten gibt?“

Überhaupt war diese Kirche schon von Anfang an durch eine relativ profilfreie Multi-Konfessionalität gekennzeichnet. Der bekannte Moskauer Kirchenjurist Konstantin Andrejew, ab 2011 Bischof dieser Kirche, verabschiedete sich im März 2017, um Jude nichtmessianischer Ausrichtung zu werden. Der lutherisch-altkatholische Bischof und Metropolit Begitschew ist ehemaliger Pfingstler und Baptist. Der Ukrainer Witali Gut, ein begabter Prediger und Pastor in Kaliningrad, hat eine pfingstlerische Herkunft und ist Absolvent einer reformierten Bibelschule in Magadan. Der gegenwärtige Erzbischof, Alexander Franz aus Barnaul/Altai, ist wohl der einzige Geistliche dieser Kirche mit lutherisch-brüdergemeindlichen Wurzeln.

Diese Kirche hat sich auf keine Liturgie festgelegt - es kommt der Verdacht der Beliebigkeit auf. Obwohl ihr gelegentliches Outfit - Mitra und Hirtenstab - auf hochkirchliche Tendenzen hinweist, werden viele Gottesdienste im gemäßigt-charismatischen Stil durchgeführt. Beim Kaliningrader Gottesdienst am 9. Dezember z.B. stellte ein Diakon ein Tuch mit vermeintlich besonderen geistlichen Wirkungen vor.

Allerdings gab es innerhalb der ELZAI bisher einen Konsens in bestimmten Fragen: Die Frauenordination wurde nicht praktiziert und die in Rußland gängige Ablehnung eines liberal-humanistisch-säkularen Christentums westlichen Typus wird auch in der ELZAI vertreten. Wladimir Pudow verstand sich stets als Patrioten; die Übernahme der Krim durch Rußland 2014 wurde von seiner Kirche umgehend begrüßt.

Die Beziehung zur international anerkannten „Evangelisch-Lutherischen Kirche Rußlands“ (ELKR, einst ELKRAS) war immer belastet. Das hing u.a. damit zusammen, daß die Webseite der ELZAI ansprechender als jene der großen lutherischen Kirche aussah und es bei Außenstehenden – einschließlich Staatsvertretern – immer wieder zu Verwechslungen kam. Das brachte die von Erzbischof Dietrich Brauer geführte ELKR immer wieder in Erklärungsnot.

Am 24.11.2014 hatte die altkatholische Kirche der Slowakei einen Partnerschaftsvertrag mit der ELZAI unterzeichnet. Das war eine Art Durchbruch, denn keine andere Kirche hatte jemals die ELZAI als Kirche offiziell anerkannt. Der Kopf hinter diesem Schritt war der slowakische Erzbischof Augustin Bacinsky aus Bratislava. Pudow unterstreicht, daß es auf russischem Boden noch nie eine altkatholische Kirche gegeben hat. Der jetzige Vorstoß könnte verstanden werden als Versuch, noch zu diesem späten Zeitpunkt über die lutherische Schiene in Rußland Fuß zu fassen. Die altkatholische Kirche war entstanden als Protest gegen die Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit in Lehrfragen auf dem I. Vatikanischen Konzil in 1870. Inzwischen gibt sie sich eindeutig liberaler als der Vatikan: Es gibt verheiratete Priester und Priesterinnen sind ebenfalls im Kommen. 

Pudows Biografie
Man könnte sagen, Wladimir Pudow stamme aus der anti-kirchlichen Gegenbewegung. Obwohl fast das ganze Leben in Moskau wohnhaft, war er 1952 immerhin in Usbekistan zur Welt gekommen. Erst im fortgeschrittenen Alter schloß er 1987 ein philosophisches Studium an der staatlichen „Lomonossow-Universität Moskau“ ab. Anschließend wurde er vom Moskauer Büro der staatlichen „Abteilung für religiöse Angelegenheiten“ übernommen. Dort fiel ihm die Aufgabe zu, sich um die Belange der Freikirchen und Sekten zu kümmern. Er hatte nicht nur mit der Zensur, sondern auch mit Visen, der Beschaffung von Autos, Baumaterialien und Hotelübernachtungen für durchreisende Geistliche zu tun. Bei dieser Tätigkeit lernte er den Rigaer Lutheraner Harald Kalnins (1911-1997, ab 1988 Bischof) kennen und mögen. Pudow hatte ohnehin eine gewisse Affinität fürs Lutherische: Die Großmutter seiner damaligen Frau war eine Finnin lutherischen Glaubens. Als dann 1991 die Sowjetunion und Pudows Abteilung zerfiel, entschloß er sich, sich künftig für die Kirche zu engagieren. Es war Kalnins, der ihn für die Sache der Kirche gewann.

Bischof Kalnins bat ihn dann um Hilfe, als sein ehemaliger Sekretär, der junge Jonas Baronas, sich daranmachte, die historische Moskauer „Peter-und Paul-Kirche“ unter die Nägel zu reißen. Es heißt, Baronas sei davor von Kalnins nach St. Petersburg entsandt worden, um eine Gemeinde zu gründen. Stattdessen schuf er dort eine neue lutherische Kirche. Es war dann vor allem Wladimir Pudow zu verdanken, daß Peter-und-Paul der Baronas-Kirche nicht zugesprochen worden ist. „Doch am Anfang wollte keiner der kirchenleitenden Leute die Kathedrale wiederhaben,“ insistiert Pudow. Die 1905 fertiggestellte, halbe Bauruine galt ihnen als überdimensionierter, bodenloser Geldverheizer. An der Feierstunde zur endgültigen Rückübertragung der Kathedrale in das Eigentum der ELKR am 25. Oktober 2017 nahmen dann der deutscher Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm teil. Pudow hatte Recht behalten – doch zur Feierstunde war er nicht eingeladen. 

Pudow weist darauf hin, daß auch die Teilrückführung des Anwesens der Böhmischen Brüder in Alt-Sarepta am südlichen Rande von Wolgograd Anfang der neunziger Jahre seinen Kontakten mit staatlichen Stellen zu verdanken war.

Pudows Nichtanwesenheit bei der Moskauer Feierstunde hing damit zusammen, daß er sich trotz seiner Verdienste im Juni 2006 zur Gründung einer neuen Kirche – der ELZAI - hatte hinreißen lassen. Es hatte Gemeinden gegeben, die trotz mehrerer Anläufe nicht in die Reihen der heutigen ELKR Einlaß fanden. Sie galten wohl u.a. nicht als genügend lutherisch. Dabei spielte auch Frust eine gewisse Rolle. Von 1994 bis Mai 2006 hatte Wladimir Pudow offiziell als ELKR-Beauftragter bei der nationalen Staatsregierung in Moskau fungiert. Doch obwohl er mit einem Büro und einem Teil-Gehalt ausgestattet war, wurden seine Dienste von der Kirchenleitung in St. Petersburg immer weniger in Anspruch genommen. Während der Amtszeit von Edmund Ratz (1933-2017) – Erzbischof von 2005 bis 2009 – kam die Zusammenarbeit völlig zum Erliegen.

Pudow versichert heute, daß keine erneute Kirchengründung von ihm zu erwarten sei. Jetzt interessiert er sich für die konfessionalistisch-lutherische, in Milwaukee/USA beheimatete Wisconsin-Synode. „Ich selbst bin und kann nur Lutheraner sein“, versicherte er in Kaliningrad. „Das sind auch meine Wurzeln.“ In der Rumpf-ELZAI werden die Bischöfe Franz und Begitschew das Sagen haben. Finanziell hält sich Witali Gut mit einem säkularen Beruf über Wasser – Pudow selbst ist seit Jahrzehnten in der Baubranche tätig. Vielleicht werden es bald nur noch vier sich lutherisch nennende Denominationen auf russischem Boden geben.

Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 30. December 2018
“kant50(at)web(dot)de”

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