24.05.2018

Nicht mehr im Niemandsland

Die “Euro-Asiatische Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“ ist wieder da

M o s k a u – Nach vier Jahren im Niemandsland vermittelt die “Euro-Asiatische Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (EAF) den Eindruck, plötzlich wieder im Kommen zu sein. Zwischen dem 9. und 16. April waren fast 80 Delegierte aus Staaten, die von den USA bis Tadschikistan reichten, bei ihr in Jerusalem zu Gast. Die russische Delegation bestand aus 12 Personen, unter ihnen der neugewählte Unionspräsident Peter Mitskewitsch, Leitender Vizepräsident Wiktor Ignatenkow und Ex-Präsident Alexei Smirnow.
Neuer Präsident der Föderation ist Seminarleiter Leonid Michowitsch aus Minsk/Belarus; sein Stellvertreter ist Gia Kandelaki von der „Evangelisch-Baptistischen Assoziation von Georgien“. Bestätigt in seinem Amt als Generalsekretär wurde Juri Apatow, ein ethnisch- jüdischer Russe, der Ende 2015 von Moskau nach Israel übersiedelte. Es war dieser Wechsel sowie der Ausbruch von Feindschaft zwischen der Ukraine und Rußland nach dem Maidan-Aufstand von Februar 2014, die die Arbeit der Föderation fast zum Stillstand gebracht hatten.

Eine Delegation aus der Ukraine war ebenfalls zugegen, doch signifikant ist die Tatsache, daß erstmals weder ein Einwohner Rußlands noch der Ukraine zur Leitungsspitze gehört. Die Ukraine und Rußland stellen die mit Abstand größten Baptistenbünde. Die EAF wird nicht länger von Moskau aus geführt; ihre Zentrale läßt sich nun eher in Jerusalem oder Minsk verorten.

Viele Delegierte, einschließlich jene aus Rußland, Belarus und der Ukraine, können visafrei nach Israel einreisen. Laut der offiziellen Pressemeldung begeisterte die Teilnehmer nicht nur die Sonne, sondern ebenfalls die Tatsache, daß sie sich im Heiligen Land befanden.

Mindestens seit Gorbatschow hat der evangelikale Zionismus viele neue Anhänger in der Ukraine und in Rußland gefunden, insbesondere unter den Pfingstlern. Ein Gegner dieser Bewegung, der US-Amerikaner Stephen Sizer, stellte in einem Artikel am 5. Januar 2018 fest, daß die überwältigende Mehrheit aller Zionisten eigentlich Christen seien. „Fünfzig Millionen Evangelikale, die an einem Strang mit den fünf Millionen Juden Amerikas ziehen – das ist ein im Himmel geschaffener Zusammenschluß.“ Er weist darauf hin, daß die kritisch-eingestellte „Jerusalemer Erklärung zum christlichen Zionismus“ vom August 2006 von den Oberhäuptern koptischer, orthodoxer, anglikanischer und lutherischer Kirchen unterzeichnet worden ist. Von der israelischen Bevölkerungszahl von 8,8 Million gelten nur 74,5% (6,55 Million) als Juden. Die einheimischen, palästinischen Christen Israels – einschließlich des baptistischen Teils – sind Gegner des Zionismus.  

Die offizielle Pressemitteilung erklärt, die in Illinois/USA beheimatete „Slavic Gospel Association“ habe das Treffen größtenteils finanziert. Im Oktober 2012 war die SGA auch führend an der offiziellen Gründung der Evangelisch-Baptistischen Assoziation von Georgien beteiligt. (Siehe unsere Pressemitteilung vom 14. Juni 2013.) Einer ihrer Vertreter, Gia Kandelaki, hat nun eine leitende Funktion in der EAF inne.

Die Schaffung dieser georgischen Assoziation war eine Folge der Trennung des Arztes Levan Akhalmosulishvili 1997 von der liberaleren, der „Europäischen Baptistischen Föderation“ zugeneigten „Evangelischen Baptistenkirche von Georgien“. Bei ihrer Gründung 2012 verfügte diese Assoziation über nicht mehr als 600 bis 800 erwachsene Mitglieder. Dieses georgische Gefälle spiegelt sich nun in der nicht immer gewollten Trennung zwischen der EAF und dem Mainstream, in Amsterdam beheimateten „Europäischen Baptistischen Föderation“ (EBF) wider. 

Die EAF hat sich stets als rechtlich nicht bindende Nachfolgeorganisation des einstigen “All-Unionrats der Evangeliumschristen-Baptisten” verstanden, die 1991 gemeinsam mit der Sowjetunion ihre Auflösung erlebte. Sie sieht sich dazu berufen, die zwischenmenschlichen Beziehungen, die in der Sowjet-Ära zwischen den Baptistengemeinden der verschiedenen Republiken bestanden hatten, zu fördern und fortzusetzen. So wird aus ihr eine russischsprachige, eher konservative Alternative zur englischsprachigen EBF.

Dr. phil. William Yoder
Chabarowsk, den 24. Mai 2018
“kant50(at)web(dot)de”

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