15.11.2014

Nieder mit den Waffen!

Ein Kommentar zur jetzige Lage in der Ukraine

M o s k a u -- Die protestantischen Schwestern und Brüder in der großen Ukraine behaupten, die Russen stünden auf ihrem Territorium und es sei nun an der Zeit, die Heimat gegen die Russen zu verteidigen. Doch die Ukrainer in Donbass behaupten ebenfalls, nichts anderes zu tun, als die Heimat zu verteidigen. Auf einem Kongreß der „Novomedia“ in Kiew am 8. November versicherte der Journalist Jan Nowoselzew vom Kiewer „Kanal 17“, die toten Soldaten auf beiden Seiten wären zu 90% ukrainische Staatsbürger. Also: Ukrainer verteidigen die Heimat gegen andere Ukrainer. Das sieht aus nach Bürgerkrieg. Ein Sieg der großen Ukraine würde heißen, daß man in der Ostukraine Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertreibt.

Die „großukrainischen“ Gläubigen begehen einen Fehler, wenn sie behaupten, nur die ukrainische Sprache könne das Land zusammenführen (Am 11. Juli 2012 berichteten wir von der interkonfessionellen Stellungnahme acht Tage zuvor.) Noch heute steht die baptistische Union der Ukraine dazu. Gerade diese Haltung hat zur Aufspaltung des Landes beigetragen. Stelle man sich vor, ein Teil der Schweizer würden beschließen, die ganze Schweiz solle sich unter der Flagge der französischen Sprache vereinen. Das würde die Schweiz aufspalten. Und die Ukraine ist wahrscheinlich genau so lange mehrsprachig wie die Schweiz.

Ich könnte einmal wieder die Ungereimtheiten in der offiziellen ukrainischen Politik aufzählen, versuchen, große Löcher in deren Käse zu bohren. Aber dazu fehlt jetzt die Zeit. Es droht das Ausbrechen eines noch größeren Krieges - Eile ist geboten.

Der Haß unter der protestantischen Jugend, das Vergiften junger Seelen, tut sehr weh. (Das kann es auch in Rußland geben.) Auf der besagten, überwiegend charismatischen Konferenz verglich ein junger Teilnehmer unter Applaus das Annektieren der Krim mit der deutschen Besetzung Kiews von 1941 bis 1943. In der Regel werden die Ukrainer in der kleinukrainischen Armee schlicht als „Terroristen“ abqualifiziert. Andersherum werden die Kiew-ergebenen Ukrainer pauschal als „Faschisten“ verurteilt. Das sind Kampfbegriffe, die zum Kriegführen anstiften. Lassen wir das! Mit Christsein hat diese Praxis nichts gemein.

Der baptistische Parlamentspräsident Oleksandr Turtschinow ruft zur Fortsetzung der Feindseligkeiten im Osten auf. Am 6. November versicherte er: „Mit den besetzten Gebieten kann man nicht verhandeln - sie können nur befreit werden.“ Hat aber nicht das Vernichten der westukrainischen Einheiten im Raum Ilowaisk Ende August sehr deutlich gemacht, daß sich die Ostukrainer und ihre Verbündeten nicht hinter die Grenzen Rußlands zurücktreiben lassen? Das Fazit von Ilowaisk: In diesem Konflikt sind die russischen Interessen militärisch nicht zu überwinden. Würde sich die große NATO wegen Landesflächen in einer Breite von 50 km in einen großen, europäischen Krieg hineinziehen lassen? Eine militärische Lösung gibt es nicht.

Was übrig bleibt, ist die Rückkehr nach Minsk zum Verhandlungstisch. Da muß die Frage lauten: „Was müßte Kiew noch hergeben, damit die Ostukrainer den Kampf endgültig einstellen? Kommt man da zu keiner Einigung, sollte man dann das Land zweiteilen. Bei der demokratisch legitimierten Stichwahl am 7. Februar 2010 gewann der später abgesetzte Wiktor Janukowitsch 49% der Stimmen. Also geben wir den Ostukrainern 15% des Territoriums – einen Teil des Gebietes eben, auf dem sie schon immer gelebt haben. (Die Krim ist ein anderer Fall – sie wird wohl langfristig zu Rußland gehören.) Sicher wollen nicht alle Bewohner der Ostukraine – die Protestanten schon gar nicht – die Schaffung eines Separatstaates. Doch das will die Mehrheit der dort Lebenden schon – siehe die Ergebnisse des nicht fehlerfreien Referendums vom 2. November 2014.

Die – auch protestantischen – Großukrainer bestehen darauf, ihre uralte, ostslawische Herkunft hinter sich zu lassen und sich dem Westen anzuschließen. Das muß man ihnen zugestehen, wenn sie das wollen. Doch demokratisch ist das nur, wenn man auch die Entscheidung der Ostukrainer respektiert. Westukrainer sind überzeugt, die Andersdenkenden seien ein winziger Haufen, der nur existiert, weil er von Rußland gestützt werde. Doch der Flüchtlingsstrom Richtung Rußland (erheblich größer als jener in Richtung Ukraine) und die Ergebnisse der Wahlen von 2010 sprechen eine andere Sprache.

Durch eine Zweispaltung geht die Bevölkerung der Ukraine nicht unter. Im Jahre 1993 übergaben die Tschechen 38% „ihres“ Territoriums den Slowaken. Die beiden Völker sind bis heute befreundet und ihr Territorium steht allen offen. Auch Engländer und Schotten waren bereit, eine Aufspaltung hinzunehmen. Natürlich sollte man einwenden: In der Tschechoslowakei fand keine Schenkung statt - die Slowaken hätten gleichermaßen Anspruch auf das Territorium gehabt. Das könnte man auch über die Ostukrainer sagen.  

Sehen Sie einen anderen Weg zum Frieden? Diplomaten an den Tisch; nieder mit den Waffen! Hier sind auch die Christen gefragt.

Bei einem Essen in Kiew meinte ein Journalist von der Kiewer Armeezeitung, die „Ukrainische Orthodoxe Kirche – Moskauer Patriarchat“ sei gerade DIE Kirche im Raum Donbass - sie sei überall auf beiden Seiten der Front vertreten. Auch die kleinen, protestantischen Kirchen sind auf beiden Seiten der Front, räumte er ein, doch das Moskauer Patriarchat sei bekanntlich die mit Abstand größte Denomination des Landes. Dieser Armeejournalist ist selbst Mitglied der Kirche des Moskauer Patriarchats.

Weiteres am Rande
Ein Foto auf dem Roten Platz anläßlich des Tages der Nationalen Einheit am 4. November zeigt Wladimir Putin im Beisein der leitenden religiösen Vertreter des Landes: Orthodoxe, Muslime, Juden, Buddhisten. Ganz rechts steht als einziger Protestant der Pfingstler/Charismatiker Sergei Rjachowski, der politisch aktive, leitende Bischof der  ROSChWE, der größten protestantischen Union des Landes. Eine offizielle Meldung von „Itar-Tass“ zählt Rjachowski zu den Vertretern der „führenden traditionellen russischen Konfessionen“. Auf dem Roten Platz wurde nun damit ein ehemaliger Hauptfeind nationalistischer Kräfte, die untraditionellste aller christlichen Kirchen, offiziell aus der Sektenecke geholt und in die Reihen der volkstragenden Konfessionen aufgenommen.

Diese demonstrierte Gemeinsamkeit mit dem russischen Präsidenten verstehen Charismatiker in der Ukraine nicht. Doch dies ist eine bahnbrechende Entwicklung, nicht weniger wichtig als die erstmalige Zulassung einer Delegation von Protestanten zum Grabmal des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer zum Feiertag am 8. Mai 2006.

In der Ukraine sowie in Rußland ist das gleiche Phänomen zu beobachten: In einer notvollen Zeit rücken die religiösen Gemeinschaften zusammen. In „Russia Today“ wurde gerade ein gebürtiger, ostukrainischer Mormone, der für die Aufständigen kämpft, wohlwollend beschrieben. Ein bedauerlicher Nebeneffekt dabei ist, daß das Zusammenrücken zugleich ein Wegrücken von den Gläubigen im gegnerischen Staat nach sich zieht.

Am 7. November hielt Metropolit Ilarion, der „Außenminister“ des Moskauer Patriarchats, einen Vortrag beim „Russisch-Amerikanischen Forum christlicher Führungskräfte“ in Charlotte/Nordkarolina. Das Ereignis war von der „Billy Graham Evangelistic Association“ veranstaltetet worden. Ilarions Aufenthalt schloß einen Geburtstagsbesuch bei Billy Graham mit ein, der am 7. November 96 Jahre alt wurde. Zur Delegation aus Rußland zählten neben Rjachowski und anderen Pfingstlern auch Aleksei Smirnow und Witali Wlasenko von der baptistischen Union. Auch Sergei Wdowin von der „Russischen Evangelischen Allianz“ war mit von der Partie. Ein Anliegen des Moskauer Patriarchats dabei ist, eine interkonfessionelle, konservative Koalition rechts von der Genfer Ökumene zu etablieren. So läßt sich auch die dortige Rede Ilarions interpretieren.

Dr.phil. William Yoder
Smolensk, 15. November 2014
Eine journalistische Veröffentlichung im Rahmen der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Diese Meldung darf gebührenfrei abgedruckt werden, wenn die Quelle angegeben wird. Meldung Nr. 14-13, 1.105 Wörter.