20.06.2016

Rußland und die Ukraine sind mit den gleichen Problemen konfrontiert

Ein Interview mit Roman Lunkin

S m o l e n s k – Nach dem Moskauer Roman Lunkin, Forschungsreferenten des britischen “Keston College”, wurde im Sommer 2015 die die religiösen Gemeinschaften betreffende Gesetzgebung bedeutend verschärft. Dies bezieht sich vor allem auf das Gesetz gegen „unerwünschte Organisationen“ vom 23. Mai 2015. In einem Interview mit dem Verfasser am 18. Mai meinte Lunkin, diese Gesetzgebung sei vage und lasse eine Vielfalt an Auslegungen zu. Nach ihm „wecken bereits ausländische Missionare, die sich um Gemeindegründungen bemühen, schnell den Argwohn der Staatsvertreter“. Ausländische Gelder, die protestantische Denominationen erhalten, werden genauestens unter die Lupe genommen. Russische Pastoren, die weiterhin Gelder erhalten, sind bemüht, die Mittel über soziale Einrichtungen und Stiftungen umzuleiten. „Nur eine Kirche, die unbedingt leiden will, ist weiterhin offen für eine substantielle Unterstützung durch den Westen.“ Lunkin berichtete, daß führende Kirchen wie die „Vereinigte Russische Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ (ROSChWE) in den letzten Jahrzehnten bestrebt waren, säkulare und diakonische Ableger für Waisen, Jugendarbeit, Drogenrehabilitation und Sport ins Leben zu rufen. „Alle dieser Vereine befinden sich heute unter genauer staatlicher Beobachtung.“ Nach ihm ist nur das Moskauer Patriarchat von Inspektionen ausgenommen; es ist nicht gehalten, seine Finanzen offenzulegen.

Anfang Juni 2016 unterzeichnete Wladimir Putin ein Gesetzeswerk, das die Definition einer NGO präzisierte. Es bezieht sich nicht direkt auf die Kirchen und gibt nur an, daß humanitäre, kulturelle, sportliche und Gesundheitseinrichtungen nicht als politisch zu gelten haben. Organisationen wie kirchlich verbundene NGOs würden nur als „ausländische Agenten“ in Frage kommen, wenn sie sich wiederholt politisch äußern. Fazit des Verfassers: Die Auslegung der jüngsten Gesetzgebung wird nicht zuletzt von der politischen Großwetterlage zwischen Ost und West abhängen.

Roman Lunkin bleibt dennoch optimistisch: Nationalistische Denker wie Alexander Dugin und Alexander Prochanow bezeichnete er als „Freaks“ und bestand darauf, daß sich das russische Volk „weiterhin in Richtung Demokratie entwickelt. Mir ist niemand bekannt, der wie in China oder in einer Theokratie wie Iran leben möchte. Die Demokratie bleibt unser Ziel. Keiner wünscht sich einen autoritären Despoten.“ Nachdem Patriarch Kirill in einer Predigt am 20. März die die Bibel widersprechenden „Menschenrechte“ als Ketzerei gegeißelt hatte, beeilte sich das Patriarchat zu versichern, die Kirche sei gegen humanistische Philosophien, nicht gegen die Menschenrechte an sich. „Vor 10 oder 20 Jahren war das Patriarchat noch gegen die Demokratie“, versicherte Lunkin. „Doch heute gibt es darüber eine ausführliche Diskussion.“

Im Falle Ukraine meint dieser orthodoxe Gläubige, Rußland und die Ukraine seien „mit dem gleichen Bündel an Problemen konfrontiert“. Demokratiedefizite, eine schwache Zivilgesellschaft, Korruption und ein soziales Gefälle seien in beiden Staaten gleichermaßen vorhanden.

Lunkin stuft die meisten Leiter der protestantischen Kirchen Rußlands als Opportunisten ein, die sich der Aufrechterhaltung des Status quo verpflichtet fühlen. Diesbezüglich zeigt er auf den bekanntesten Protestanten Rußlands: Sergei Rjachowski, leitenden Bischof der ROSChWE. Obwohl Rjachowski mit dem adventistischen Leiter Oleg Gontscharow eng durch die gemeinsame Arbeit im „Beratungsrat für die Leiter der protestantischen Kirchen Rußlands” verbunden ist, hält Lunkin Gontscharow nicht für einen Opportunisten. „Gontscharow macht deutlich, wenn er mit staatlichen Maßnahmen nicht einverstanden ist. Rjachowski spricht ebenfalls die Probleme an, doch zum Schluß knickt er immer gegenüber dem Staat ein. Natürlich hilft diese Haltung den Evangelikalen, ihre Stellung innerhalb der ‚Öffentlichen Kammer’ und dem ‚Rat am Sitz des russischen Präsidenten’ zu halten.“

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Der 9. Mai: Niemals sind die Differenzen offensichtlicher

Wenn es sich um eine Würdigung der Befreiung Europas vom Nazismus dreht, sind die ideologischen Differenzen zwischen den Protestanten in der Ukraine und Rußland offensichtlicher denn je. Das wird jedes Jahr um den 9. Mai herum deutlich. Roman Lunkin berichtet, Russen würden den Zweiten Weltkrieg als Auseinandersetzung zwischen dem Kommunismus und Faschismus definieren. Die Nationalisten in der Ukraine, im Baltikum und in Südosteuropa hingegen begreifen ihre Teilnahme am Krieg als Kampf um die nationale Souveränität. Sie waren bereit, sich angesichts eines höheren Gutes auf die Zusammenarbeit mit fragwürdigen Partnern – den Faschisten – einzulassen.

Heute, im Nachhinein, beschreiben pro-Kiewer-Ukrainer den Kommunismus und den Faschismus als Übel gleichen Ranges, zwischen denen man nicht zu unterscheiden brauche. Der Pfingstpastor Sergei Demidowitsch (Slawiansk) schrieb am 8. Mai z.B.: „Faschismus und Kommunismus sind Blutsbrüder!“ Das bedeutet letztlich, daß das Feiern eines Sieges der UdSSR dem Feiern eines Sieges von Nazi-Deutschland moralisch gleichzustellen sei.

Der baptistische Gelehrte Mychailo Tscherenkow (Irpen) behauptete kürzlich, die UdSSR sei einer der Aggressoren im Zweiten Weltkrieg gewesen: “Vergessen Sie nicht, daß die UdSSR am 17. September 1939 als Aggressorin dem Krieg beigetreten ist. Wie ein Dolchstoß in den Rücken Polens hat der Überfall auf die (heutige-wy) westliche Ukraine und das westliche Belarus gewirkt.“ Bezüglich der Festlichkeiten am 9. Mai beschrieb Tscherenkow die Hölle als „das Strafurteil, eine vergangene Sünde ständig wiederholen zu müssen“. Drüben in Moskau zitierte Baptistenpastor Juri Sipko Sprüche 26:11: „Wie ein Hund wieder frißt, was er gespien hat, so ist der Tor, der seine Torheit immer wieder treibt.“

Pro-Kiewer Protestanten bringen ihre Abscheu gegenüber dem Sankt-Georgs-Band der Sowjetära – und zuvor – zum Ausdruck. Es wird als „Colorado“ etikettiert, da seine orange und braune Streifen an den Colorado-Käfer erinnern. Sergei Demidowitsch fragte: „Warum haben sich das Kreuz und das Sankt-Georg-Band ineinander verliebt? Wie konnte das passieren?“ Beide Seiten werfen sich Nationalismus vor und halten sich gegenseitig vor, der Propaganda auf den Leim gegangen zu sein.

Auf Facebook setzt Tscherenkow die rote Mohnblume – ein Symbol des britischen Commonwealth zur Ehrung von Kriegstoten – dem Colorado-Band gegenüber. Dabei wird die Mohnblume mit „nie wieder“ gedeutet; das Sankt-Georg-Band wird hingegen mit dem Worten „wir können es nochmals“ beschrieben. In der Ukraine soll die britische Mohnblume das Symbol für den 9. Mai werden.

Juri Sipko
Roman Lunkin beschreibt Juri Sipko, der bis 2010 als Präsident der Baptistenunion Rußlands amtierte, als eine einsame Stimme des Mutes inmitten eines Meeres von Opportunisten. Am 26. Mai z.B., gab Sipko zu Protokoll, die Ukraine habe der ausgetauschten Pilotin Nadia Sawtschenko einen Heldenempfang bereitet. Dagegen seien die beiden russischen Soldaten, die im Gegenzug freigekommen waren, bei der Heimkehr mit einem verlegenen Schweigen konfrontiert. Er beschloß: „Lügen überhäufen die Lügner mit Scham und entehren ihr Land. . . . Wir bedürfen der Wahrheit. Wir brauchen die Umkehr.“ Sipko beschreibt das militärische Engagement Rußlands in Syrien als Krieg gegen das syrische Volk.

In einem Interview in Sumy/Ukraine während des Monats Mai, geißelte der russische Baptist die russische Propaganda und versicherte, der umstrittene ukrainische Nationalist Stepan Bandera (1900-1959) habe „nur für die Souveränität seines Landes gekämpft“. Bandera, der in ideologischer Sicht als Faschist gelten muß, war zeitweilig mit Nazi-Deutschland verbündet und mitverantwortlich für die Ermordung von nicht weniger als 40.000 Polen in dem Gebiet, das heute zur West-Ukraine gehört. (Siehe Wikipedia.) Sipko teilt die ukrainische Ablehnung des Moskauer Patriarchats – der größten Denomination auf ukrainischem Boden. Im obigen Interview versicherte er, das Moskauer Patriarchat „trägt die volle Verantwortung für die gegen die Ukraine gerichteten Lügen und Verleumdungen. Es ist nicht zu einem Beschützer des Volkes geworden.“

Kommentar
Juri Sipko ist mutig – doch nicht sonderlich kreativ. Ich erkenne keinen Unterschied zwischen seinen politischen Einschätzungen und denen der pro-Kiewer, ukrainischen Protestanten. Er würde die ukrainische Korruption und das Oligarchentum attackiern; das tun die ukrainischen Protestanten aber auch. Sipko läßt sich als eine mutig Stimme auf russischem Boden einstufen – doch müßte er eine völlig andere Linie einschlagen, wenn er auch auf ukrainischem Territorium als „mutig“ gelten wollte.

Wie kreativ bin ich? Nicht sonderlich, doch als ökonomischer Sozialist stehe ich quer zur Sozialpolitik der gegenwärtigen russischen Regierung. Übrigens: Ich fühle mich unwohl, mich ständig zu politischen Themen zu äußern. Sie spalten die Christenheit. Nahezu alle protestantischen Leitungspersönlichkeiten in Rußland reagieren auf die ukrainischen Behauptungen mit Schweigen. Ich bin allerdings als Politologe ausgebildet und meine, daß ich mich – auch wenn ich kein Russe bin – zu diesen Themen äußern sollte.

Auf Facebook lobte Pastor Sipko die Behauptung, der russische Staat bestehe aus “Chekisten und Banditen”. Doch Wladimir Putin selbst ist eine pragmatische und relative moderate Stimme zwischen den Extremen in der politischen Szene Rußlands.

Mir fällt es sehr schwer, die ukrainische Selbstbeschreibung als Friedensinstanz zu akzeptieren. Leitende Persönlichkeiten wie der baptistische Politiker Oleksandr Turtschinow und der Pfingstbischof Mychailo Panotschko haben sich für eine Verlängerung des Krieges in der Ostukraine – und auf der Krim – bis zur Rückkehr dieser Gebiete unter die ukrainische Fahne ausgesprochen. In einem Aufsatz vom 20. November 2015 berichtete Tscherenkow, die Religionen hätten im Zuge des Maidaner Aufstandes für den Frieden geworben. Doch danach, nach dem Ausbruch von Feindseligkeiten in der Ostukraine, hätte die Religion „eine mobilisierende Rolle gespielt“. Wohlwollend wies er darauf hin, daß dies auch für Turtschinow, Poroschenko und Jazenjuk zutreffe.

Meine Einschätzung: Die Annexion der Krim war ein schmerzlicher und höchst umstrittener Schachzug im Widerspruch zum Völkerrecht. Aber die Maßnahme war demokratisch – rund 80% der Bürger stimmen zu. Nicht zuletzt hat sie der Halbinsel einen furchtbaren Krieg erspart.

Ukrainer verweisen häufig auf den moralisch fragwürdigen “Hitler-Stalin-Pakt” vom 17. September 1939. Doch unerwähnt bleibt der polnisch-sowjetische, „Pilsudski-Stalin“-Nichtangriffspakt, der von 1934 bis 1939 in Kraft war. Das Hitler-Chamberlain-Abkommen von September 1938, bei dem Polen und Ungarn an der Zerstückelung der Tschechoslowakei beteiligt waren, empfand die UdSSR als ein krasses Appeasement. Es läßt sich eindeutig belegen, daß sich die UdSSR 1939 verzweifelt um einen Nichtangriffsvertrag mit den Westmächten bemühte. Der Vertrag vom 17. September 1939 kam zustande, weil sich die UdSSR keinen weiteren Rat wußte. Nick Holdsworth zitierte einen Russen im Londoner „Telegraph“ vom 18. Oktober 2008: Der Pakt Molotow-Ribbentrop „wäre niemals passiert, wenn man das Angebot Stalins bezüglich einer westlichen Allianz angenommen hätte“. Natürlich war das westliche Zögern nicht unbegründet – siehe den sowjetischen Terror von 1937-38. Aber das war auch nicht zuletzt ein Ergebnis der tödlichen Angst der UdSSR vor Nazi-Deutschland.

Nadia Sawtschenko ist eng liiert mit Aidar, einem faschistischen Bataillon in der Ukraine. Man sollte in Erinnerung behalten, daß ihr obszönes Benehmen im Gerichtssaal nicht nur den russischen Richter traf. Das russische Volk an sich fühlte sich durch ihr Verhalten getroffen.

Jawohl – Christen sollen sich der Chance bedienen, “der Macht die Wahrheit zu sagen”. Doch „der Macht die Unwahrheit zu sagen“ steht auf einem anderen Blatt. Wider Politikern „falsch Zeugnis zu reden“ birgt in sich kein Segen. Ich flehe Juri Sipko und andere an, ihre Haltung zu überdenken.

Doch auch ich gelte nicht als Prophet – für seriöse Kritik und den seriösen Dialog will ich stets offen sein. Ich stimme Sipko insofern zu, daß eine militärisches Engagement in Syrien fraglich sei. Der französische Journalist und ehemalige ISIS-Häftling Nicolas Hénin schrieb kürzlich, daß sich “der Terror nicht militärisch überwinden läßt”. Doch für den ISIS gegen Rußland Partei zu ergreifen, geht auch nicht.

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Zwei Anmerkungen über vergangene Meldungen

Juri Sipko behauptet in einem Interview des Moskauer “Portal-Credo” vom 24. Mai, die “Vertagung”  des Gipfels der Billy Graham Evangelistic Association und der russischen Orthodoxie, die für Ende Oktober 2016 in Moskau vorgesehen war, sei nur eine elegante Form der Absage. Im Privaten insistiert die BGEA, das Ereignis sei ledig aufgeschoben worden und könne sehr wohl noch 2017 stattfinden. Es ist nicht einfach, über diese Entwicklung zu berichten, denn die BGEA weigert sich, auf die Anfragen von Reportern einzugehen oder selbst ein offizielles Kommuniqué herauszugeben. 

Am 3. April berichtete ich von den zwei lutherischen Gemeinden in Moskau, die den Namen “Peter-und-Paul” innehaben. Pastor Dmitri Lotow weist jedoch darauf hin, daß die Namen der beiden Gemeinden nicht identisch seien. Er erwiderte: “Wir sind die 'Evangelisch-Lutherische Gemeinde Sankt Peter-und-Paul in Moskau'. Diese Bezeichnung wurde seit der Registrierung 1992 nie geändert.” Die von Erzbischof Dietrich Brauer angeführte Gemeinde, die sich heute in der großen Kathedrale versammelt, “verfügt über einen anderen Namen: 'Gemeinde in der Kathedrale Sankt Peter-und-Paul'.” Diese Gemeinde wurde 2011 offiziell registriert.

Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 20. Juni 2016
“kant50(at)web.de” oder “kant50(at)gmx.de”

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