28.12.2015

Strenge Liebe ist gefragt

Zum Streben nach einem glücklicheren Jahr 2016

Kommentar

Smolensk – Es läßt sich durchaus ein neuer interkonfessioneller Geist unter den christlichen Kirchen Rußlands und der Ukraine feststellen. Hiervon berichten ukrainische Aktivisten wie der Baptist Michail Tscherenkow seit Jahren. Doch der neue Geist wird zumindest zum Teil durch das Aufkommen eines gemeinsamen Gegners beflügelt – es handelt sich nicht ohne weiteres um den Heiligen Geist. Ein paar Beispiele aus letzter Zeit:

Am 7. Dezember gehörte Gennadi Mochnenko, ein bekannter pfingstlerisch-charismatischer Pastor in der Frontstadt Mariupol, zum Kreise der Militärseelsorger, die von Filaret, dem Patriarchen der international nicht anerkannten “Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Kiewer Patriarchat”, einen Orden erhielten. Mokhnenko, der häufig in militärischer Tarnungskleidung auftritt, hatte sich u.a. bereiterklärt, Wladimir Putin zu ermorden. (Siehe seine Facebook-Seite sowie unsere Meldung vom 2. Jul 2015.) Doch gleichzeitig bleiben die Beziehungen dieser Protestanten zur größten Kirche des Landes, der „Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchat“, im Keller.

Micheil Saakaschwili, der - zumindest auf dem Papier – orthodoxe Präsident von Georgien bis 2013 und heutige Gouverneur des Gebietes Odessa, trat am 10. Dezember als gefeierter Redner auf der „Global Leadership Summit“ der US-Megagemeinde Willow Creek in Kiew auf. (Vier Tage später geriet er in eine bittere Wort- und Wasserschlacht mit dem ukrainischen Innenminister Arsen Awakow.) Die ukrainischen Protestanten stehen zu Saakaschwili und Präsident Poroschenko in ihrem Kampf gegen Awakow und Premierminister Arseni Jazenjuk.

Auch Mokhnenko gehörte zu den Rednern bei diesem Gipfel. Zu diesem Anlaß ließ ihm Juri Sipko (Moskau), der ehemalige Präsident der Union der Russischen Baptisten, einen herzlichen Gruß zukommen. (Siehe die Facebook-Seite Mochnenkos vom 9. Dezember.) Sipko hatte kürzlich eine Rundreise durch die Ukraine mit vielen Auftritten unternommen.

In Rußland hat sich das Moskauer Patriarchat bei der Spaltung zwischen Baptisten und Pfingstlern im vergangenen September im Wesentlichen auf die Seite der Baptisten geschlagen. (Siehe unsere Meldung vom 7. Oktober.) Nichtsdestotrotz führte der orthodoxe Metropolit Hilarion ein ausführliches Interview mit Sergei Rjachowski, dem leitenden Bischof der “Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ (ROSChWE), im Fernsehen „Rossija 24“ am 19. Dezember. Eine Konferenz des vom Moskauer Patriarchat angeführten „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees für die GUS-Staaten und das Baltikum“ (KhMKK) in Minsk am 1. März rechnet weiterhin mit der Teilnahme der russischen Baptisten und Pfingstler.

Erfreulicherweise kommt das Unerwartete immer noch vor. Ein Vorkriegsfilm des US-Amerikaners Steve Hoover (2013) über Gennadi Mochnenkos Erfolge bei der Rettung bedrohter, ukrainischer Waisen wurde vom 12. bis 14. Dezember in Moskauer und Petersburger Kinos gezeigt. Der preisgekrönte Dokumentarfilm heißt „Crocodile Gennadiy”.

An ganz anderer Stelle wurde der Russe Michail Morgulis, ein 1977 in die USA emigrierter Pfingstler, vom belarussischen Botschafter in den USA, Pawel Schidlowski, zum belarussischen Honorarkonsul für den Bundestaat Florida ernannt. Die Feierlichkeiten fanden am 12. Dezember in Sarasota und North Port/Florida, der Heimat des Zentrums für „Geistliche Diplomatie“, statt. Dessen Selbstbezeichnung scheint durchaus grandios: „Geistliche Diplomatie – ein neuer Weg zum Weltfrieden“, heißt es. Doch dieser 1941 geborene Weltenbummler ist wohl ein führendes Beispiel für die Agilität und das brückenbauende Vermögen der charismatischen Bewegung. In den letzten Jahren hat die charismatische Germeinde „Neues Leben“ in Minsk genau das Gegenteil gemacht: eine sehr konfrontative Politik gegenüber dem belarussischen Staat.

Zurück in die Niederungen des Alltags
Nicht selten drucken wohlmeinende Ukrainer Mitleid für deren russischen Schwester und Brüder aus, die dem Ansturm der russischen Staatspropaganda auf den Leim gehen. In einem von vielen in diesem Sinne verfaßten Briefen heißt es: „Wie führen wir ein Gespräch mit russischen Christen, die entweder der russischen Aggression nachgeben oder sogar zur Propaganda beitragen, die mit dieser Aggression einhergeht?“ Warum haben wir es zugelassen, daß unsere Brüder und Schwestern „dem Einfluß dieser aggressiven Propaganda nachgeben“?

Doch darf man davon ausgehen, daß die “Propaganda” ausschließlich aus der russischen Ecke stammt? In seiner Rede vorm Kiewer „Rada“ am 8. Dezember versicherte US-Vizepräsident Joe Biden: „Wir werden es nicht zulassen, daß Staaten über ein Einflußgebiet verfügen. Souveräne Staaten haben das Recht, eigene Entscheidungen zu fällen und selbst ihre Allianzen auszuwählen. Punkt!“ Die Zuhörer reagierten mit Applaus – obwohl ein entsetztes nach Luft Schnappen passender gewesen wäre. Mindestens seit dem Krieg gegen Spanien 1898 haben die USA Milliarden aufgebracht, um die eigene Interessensphäre von Mexiko und Chile bis zu den Philippinen, nach Taiwan, Südkorea, Europa und bis hin zum Nahen Osten auszuweiten und zu verteidigen. Offensichtlich haben leitende Politiker in jenem Lande, in dem ich das Licht der Welt erblickte, wenig Gespür für die Gefahr des doppelten Standards.

Mich besorgt es, daß (west) -ukrainische Protestanten die faschistische Gefährdung des eigenen Landes nicht erkennen. Ein Aufmarsch des Rechten Sektors und des Bataillons Asow mit 5.000 Teilnehmern in der Stadt Mariupol am 20. Dezember bot einen Fackelzug mit einer faschistischen, dem Nazismus entliehenen Symbolik. Doch versicherte mir ein leitender, ukrainischer Baptist im vergangenen April, Wladimir Putin sei in dieser Auseinandersetzung der einzige Faschist. Und wie sieht die faschistische Gefahr auf russischem Boden aus? Da muß man an dieser Stelle damit ansetzen, den Faschismus genau zu definieren. Ich bin der propagandistischen Verwendung von Begriffen wie „Faschist“ und „Terror“ zutiefst überdrüssig. Ist der Russe Alexander Dugin „Faschist“? Da muß man sich auf eine Definition festlegen, dann seine Texte lesen und selbst eine Entscheidung fällen.

Bekennende Christen auf beiden Seiten im Ukraine-Konflikt haben ihren Krieg zu einem heiligen erklärt. Orthodoxe auf beiden Seiten der Barrikaden haben buchstäblich Waffen gesegnet. Leider läßt das alttestamentliche Paradigma vom Heiligen Krieg viel Raum für die Huldigung des Krieges. Siehe z.B. die Facebook-Seite eines in der Ukraine bekannten pfingstlerischen Laienpastors: “https://www.facebook.com/vladimir.dubovoy?fref=ts”. Dubowoi’s Eintrag vom 22. Dezember zeigt einen Nikolaus auf der Suche nach Geschenken im Waffenladen.

Wir sind alle gefährdet durch die Propaganda und die Versuchung, in den Haß abzugleiten. Auch ich gehöre zu den Gefährdeten.

Wir müssen uns auch vor einem bestimmten Etikettenschwindel in Acht nehmen. Ich habe von verschiedenen Fällen gehört oder gelesen, bei denen russische Protestanten den Weg zu den Glaubensgeschwistern in der Ukraine – in Slawiansk etwa – suchten. Nach diesen Berichten endeten die Begegnungen mit einer Entschuldigung der Russen für der Missetaten ihres Staates. Die Ukrainer gingen auf das tränenreiche Bitten ein und gewährten den Russen Verzeihung. Ein solcher Sinneswandel muß akzeptiert werden, wenn er ehrlich ist. Eine solche Wandlung jedoch als „Versöhnung“ zu bezeichnen, kommt einem Etikettenschwindel gleich. Fahnenflucht und ein Wechsel auf die andere Seite der Barrikaden ist noch längst keine Versöhnung. Die meisten von uns würden vermutlich der Aussage zustimmen, daß ein Wechsel von der Roten Armee zur Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg – oder umgekehrt – noch keine Versöhnung bedeutete.

Gerade im ukrainischen Kontext ist eine strenge Liebe (“tough love”) gefragt. Das deutete Aleksei Smirnow, Präsident der Baptistenunion Rußlands, in seinem am 17. März veröffentlichten Interview an. Dabei sagte er: „Wir mögen Fragen unterschiedlich werten, aber sie halten uns nicht davon ab, Brüder in Christo zu sein.“ Er verwies auf die Subjektivität des politischen Diskurses und zitierte ein altes, russisches Sprichwort: „Jeder Mensch besitzt seine eigenen Wahrheiten (prawda), doch nur Gott besitzt die letzte Wahrheit (istina).“ (Siehe unsere Meldung vom 31. Mai 2015.) Man kann die Anliegen des eigenen Staates als legitim akzeptieren und gleichzeitig die Hand der Freundschaft den Gläubigen auf der anderen Seite entgegenstrecken. Hier geht man ohne Dämonisierung davon aus, daß auch evangelische Christen in den großen politischen Fragen nur selten einer Meinung sein werden. Doch braucht das keine Seite davon abhalten, mit Leidenschaft für die Sache des Friedens einzutreten.

Ich wünsche Ihnen und uns ein friedevolleres Jahr 2016.

1.201 Wörter

Erzpriester Tschaplin gefeuert

Am 24. Dezember gab Kirill, Patriarch des Moskauer Patriarchats, seinem bekanntesten, langjährigen Kirchendiplomaten, dem Erzpriester Wsewolod Tschaplin, den Laufpaß. Seiner Kirche wirft Tschaplin eine unentschlossene Haltung gegenüber der Staatsmacht vor, „Wir sollten uns prophetisch verhalten und nicht immer ängstlich einen Blick nach hinten werfen, wenn wir uns äußern.“ Dem Nachrichtendienst „Interfax“ erklärte er ferner: „Die Kirche sollte niemanden anlächeln und umarmen, der als korrupt gilt.“ Danach erklärte der Gefeuerte, er habe Wladimir Putin wegen seiner fehlenden Entschiedenheit im Falle Donbass immer wieder kritisiert. Tschaplin trat stets für die Verteidigung von „Rus“ – einem Großrußland - ein.

Der konservative Nationalist Tschaplin bleibt Prior einer führenden Moskauer Kirchengemeinde.

Wsewolod Tschaplin Tschaplin war auch innerhalb Rußlands dafür kritisiert, daß er ganz im Sinne der mittelalterlichen Kreuzzügler den Krieg gegen den „Terror“ im Raum Syrien zu einem heiligen Krieg erklärt hatte. Er sprach sich sogar für den Einsatz von Nuklearwaffen aus.

In diesem Zusammenhang sind die Beiträge von Jacob Dreizin, einem in Washington arbeitenden Kritiker der US-Außenpolitik, lesenswert. (Siehe z.B. „russia-insider.com/en/curb-your-enthusiasm-russia-not-winning-syria/ri11485”

und “russia-insider.com/en/curb-your-enthusiasm-part-2-russia-still-not-winning-syria/ri12018”.) Am 27. November schrieb Dreizin: Die russische Behauptung, man müsse die Terroristen in Nahost bekämpfen, “damit wir sie nicht bei uns bekämpfen müssen, ist eine reine Fantasie, die man aus Amerika importiert hat”. „Mich schmerzt es, daß das kluge Rußland nun den Weisheiten aus Fox News und der Ära-Busch nachplappert. Für ein Land, das intellektuell den USA weit überlegen ist, . . . handelt es sich hier um einen neuen Tiefpunkt. Rußland hätte zuhause bleiben sollen. Nun befindet es sich in einer ausweglosen Situation und bewegt sich abwärts mit schwindelerregender Geschwindigkeit. Ich habe fast Angst davor, die Augen zu öffnen.“

Am 26. Dezember fügte er hinzu: Das Argument für eine russische Intervention sei “eine genaue Wiederspiegelung der Seuche, die Washington heimgesucht hat“. Doch nur die US-Wirtschaft sei groß genug, um sich ökonomische Debakel leisten zu können.

Mein Kommentar: Die Terrorismusgefahr wird nicht eliminiert durch das Eliminieren von „Terroristen“. Eine mathematische Lösung wie der Zermürbung (Attrition) geht nicht auf. Siehe z.B. Vietnam. Diplomatie und das Eingehen auf den sozialen-ökonomischen Aspekt der Problematik Nahost wären verheißungsvoller. Es gibt russische Politiker die behaupten, gerade auf die Diplomatie wolle das russische Außenministerium setzen. Das tröstet mich. Ich denke, es sei auch in Ordnung, daß Rußland auf Assad, fast den letzten noch amtierenden säkularen, multikonfessionell-orientierten Führer in Nahost, setzt. Auf diesen Aspekt geht Dreizin aber nicht ein.

386 Wörter

Dr. phil. William Yoder
Berlin, den 28. Dezember 2015
“kant50(at)web.de” oder “kant50(at)gmx.de”

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