20.11.2014

Weniger bekannt, aber nicht unbedingt kleiner

Zur Lage der Ingermanländischen Kirche in Rußland

S a n k t  P e t e r s b u r g -- Die „Evangelisch-Lutherische Kirche von Ingermanland (oder Ingria) in Rußland“ ist weniger bekannt als die ebenfalls in St. Petersburg beheimatete „Evangelisch-Lutherische Kirche von Rußland“ (ELKR). Doch kleiner ist sie nicht unbedingt. Nach Angaben des Ingria-Bischofs Arri Kugappi, liegen beide Kirchen nahezu gleichauf bei rund 10-12.000 aktiven, erwachsenen Mitgliedern. Das sagte der seit 1996 amtierende Bischof im Rahmen der Jahressynode seiner Kirche in St. Petersburg am 17. Oktober.

Auf ihrer Webseite gibt die ELKR (einst ELKRAS) dagegen an, daß ihre Gemeinschaft 25.000 Gläubige in 430 Ortsgemeinden umfaßt. Doch gemeint damit ist keine einzige Kirche, sondern der "Bund der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Rußland und anderen Staaten". Die ELKRAS ist seit einer Änderung ihrer Verfassung 2010/2012 keine einheitliche Kirche mehr, sondern ein Bund rechtlich unabhängiger Kirchen in Rußland, Ukraine, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Georgien. Manche Größenunterschiede führt Bischof Kugappi auf eine großzügigere Zählweise der ELKR zurück.

Dagegen berichtet die Ingria von lediglich 75 Ortsgemeinden und 100 Gebetskreisen, überwiegend im Petersburger Raum sowie in Karelien entlang der Grenze zu Finnland. Allerdings hat sie auch vereinzelte Gemeinden zwischen Moskau und dem fernöstlichen Ulan-Ude sowie in Simferopol auf der Krim. Sie ist missionarisch tätig in Usbekistan und Bulgarien sowie unter der russischsprachigen Bevölkerung in den baltischen Staaten. 

Allerdings kann die Ingermanländische Kirche auf eine Einrichtung im Petersburger Vorort Koltuschi verweisen, die die ELKR in dieser Form nicht mehr hat: ein theologisches Seminar im Vollbetrieb mit 27, vor Ort lebenden Studenten. Die Tagungsbeilage der diesjährigen Synode der Ingria weist eine Liste von 156 Pastoren auf – eine Zahl, die die ELKR nicht erreicht. Freilich ist nur eine Minderheit dieser Pastoren vollamtlich beschäftigt.

Noch in den 90er Jahren sprachen die überwiegend deutschstämmigen Lutheraner – die spätere ELKRAS – von bis zu 250.000 Anhängern. Das Vermögen der noch teils finnischsprechenden Ingria, etwa mit der ELKR gleichzuziehen, könnte man auf ihre geographische Kompaktheit und ihren stärkeren theologischen Zusammenhalt zurückführen. „Wir sind eine lebendige Kirche – aber arm!“ hieß es in einem Vortrag auf der Synode. „Auch mit diesen Zahlen läßt sich vieles machen,“ fügte der Bischof hinzu. Doch relativ klein und arm sind eigentlich beide dieser führenden lutherischen Kirchen Rußlands.

Theologisch ist die Ingria rechts von der ELKR einzustufen. Die einstige Befürchtung, die wohlhabenden und großen konfessionalistisch-konservativen lutherischen Kirchen Nordamerikas könnten sich des russischen Luthertums bemächtigen, hat sich jeodch nicht bestätigt. Die Zusammenarbeit mit der 2,2-Millionen Mitglieder umfassenden „Lutheran Church – Missouri Synod“  bezeichnete Kugappi als „fast Null“. Die LCMS „hat eine für uns unverständliche Perestroika durchlebt,“ beklagte er. „Alle Funktionsträger, die mit uns zusammengearbeitet hatten, sind versetzt worden. Uns fehlen die alten Kontakte.“

Schwer getroffen hat den 1953 geborenen Bischof das Zurückfahren der Hilfe der lutherischen Staatskirche von Finnland. Kürzlich z.B. sei versprochene Hilfe für ein diakonisches Programm abgesagt worden, das zur sozialen Integration der Abgänger von Kinderheimen bestimmt gewesen sei. „Aber wahrscheinlich können wir noch anderswo Geld für dieses Projekt auftreiben“, versicherte Kugappi. „Diese Arbeit wird auf irgendeine Weise weitergehen.“ Im offiziellen Budget der ingermanländischen Kirche gibt es ausländische Unterstützungsleistungen nur noch von vier finnisch-lutherischen Missionsgesellschaften. Vor allem aus Geldmangel konnten Bauprojekte in Murmansk und Kasan bislang nicht fertiggestellt werden. Gleiches gilt für ein anvisiertes Projekt in Ulan-Ude.

Mit einem Hinweis auf deren liberale Position in der Bewertung von Homosexualität brach das Moskauer Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) Anfang September das theologische Gespräch mit der „Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands“ ab. Gerade in dieser Frage liegen Ingria und die ROK auf einer Wellenlänge. Doch Kugappi ortet die Gründe für das Ausbleiben von Spenden in einer neu aufkommenden „Russophobie“: „Wir empfinden Unzufriedenheit in Finnland, und dafür haben wir keine andere Erklärung.“ Der neue Kalte Krieg „beeinflußt die Menschen und nun erwartet gerade die Basis des finnischen Klerus , daß wir uns gegen Putin positionieren“. Der Bischof fuhr fort: „Doch warum sollten wir aufbegehren? Bei uns herrscht Glaubensfreiheit; gegen uns hat Wladimir Putin nichts getan. Im Gegenteil: Wir werden als eine traditionelle Glaubensgemeinschaft anerkannt. Die Beziehungen zur Orthodoxie sind gut. Wo sonst auf der Welt bekommen Kirchen kostenlos Bauland vom Staat?“

Arri Kugappi zählt nicht zu den moraltheologischen Hardlinern. In seiner Kirche werde über ethische Fragen kontrovers diskutiert, etwa über Ehescheidung und Euthanasie. In vielen Bereichen der Gemeindearbeit sind Frauen aktiv. Obwohl Frauen im Vorstand der Synode sitzen, verfügt diese Kirche über keine Pfarrerinnen.

Im ökumenischen Bereich definiert der Bischof seine Kirche als offen für den Dialog - aber ausgehend von einer konfessionellen, lutherischen Position. Seine Kirche gehört, ebenso wie die ELKR, dem Lutherischen Weltbund (LWB) in Genf an. Sie ist aber zugleich Mitglied des konservativen „Internationalen Lutherischen Rates“(ILC). Gegenwärtiger Vorsitzender des ILC ist Hans-Jörg Voigt, Bischof der freikirchlichen „Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche“ (SELK) in Deutschland. Obwohl Ingria dem Weltkirchenrat nicht angehört, ist sie Mitglied der „Konferenz Europäischer Kirchen“ (KEK). Beim Empfang des Papstes für Repräsentanten des „Lutherischen Weltbundes“ in Rom Ende Oktober waren auch Kugappi und sein Stellvertreter, Propst Olaf Pantschu (Samara), zugegen.

Während und nach seinem Besuch in St. Petersburg Mitte September warb Martin Junge, der aus Chile stammende Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, für eine verstärkte Zusammenarbeit. Diesem Wunsch möchte Kugappi im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten nachkommen.

Der ingermanländische Bischof wirkt keineswegs abwehrend und defensiv. Begegnungen mit ausländischen Kirchenvertretern beschreibt er als eine Chance, ihnen die konservativen Auffassungen seiner Kirche zu erläutern.

Zum Hintergrund
In Rußland bestehen vier lutherische Denominationen. Neben den Beschriebenen sind dies die in Akademgorodok bei Nowosibirsk ansässige „Sibirische Evangelisch-Lutherische Kirche“ („www.lutheran.ru“) und die weitgehend isolierte, 2007 gegründete „Evangelisch-Lutherische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rußland“ („www.luther.ru“). Diese hat etwa 10 Gemeinden, während die sibirische Kirche rund 20 Gemeinden umfaßt.

Die Existenz dieser beiden Kirchen ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, daß es starke und streitbare Persönlichkeiten an ihrer Spitze gibt: Bischof Wsewolod Lytkin in Akademgorodok und Kirchenpräsident Wladimir Pudow in Moskau. Bischof Lytkin ist es gelungen, die liturgisch strengste lutherische Kirche Rußlands zu schaffen. Sie steht seit ihrer Entstehung 1993 in enger Verbindung zur „Evangelisch-Lutherischen Kirche Estlands“. Dagegen ist die ELKAB viel einsamer. Sie steht außerhalb des ökumenischen Gesprächs und betont vor allem eine patriotisch-russischen Gesinnung.

Diese beiden Kirchenvertreter kommen aus keinem traditionell lutherischen Stall. Kugappi weist drauf hin, daß Bischof Lytkin behauptet, „sich auf die Urtraditionen des Luthertums zu berufen. Doch seine These, daß ein wahrer Gottesdienst die Anwesenheit eines Bischofs voraussetzt, ist keine lutherische Lehre.“ Er fügte jedoch hinzu: „Die Kirche von Ingria ist bereit, einen offenen Dialog mit der sibirischen Kirche zu führen.“

Wladimir Pudow war nach eigenen Angaben noch in den 1980er Jahren Mitarbeiter des KGB. Eher unbestritten unter russischen Lutheranern ist sein Eintreten für das Referendum auf der Krim zugunsten einer Loslösung von der Ukraine. Am 19. März schrieb er in einem Protestbrief an das Kirchenamt der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD): „Das russische Volk wurde nicht aus eigenem Antrieb getrennt, und all diese Jahre hat das Volk auf der Krim davon geträumt, sich mit Rußland wiederzuvereinigen, vielleicht sogar stärker, als das deutsche Volk die Wiedervereinigung erstrebte. Die Deutschen können besser als andere Völker diesen Wunsch verstehen, zusammen zu sein.“

In Moskau gibt es eine Gemeinde lutherischer Prägung, die sich 2010 um Dmitri Lotow, den ehemaligen Pfarrer der St. Peter- und Paul-Kathedrale, gesammelt hat (wir berichteten). Derzeit bekundet Bischof Kugappi seine Bereitschaft, diese Gruppe in seine Kirche aufzunehmen. Zur Petersburger Synode am 17. Oktober erschien aber kein Vertreter dieser Gruppierung. Offensichtlich braucht diese Moskauer Gemeinschaft zusätzliche Zeit für die Selbstfindung.

Die Geschichte der ingermanländischen Lutheraner läßt sich bis auf das Jahr 1611 zurückverfolgen. Nach den Repressionen der Sowjetzeit wurde erst 1970 eine ihrer Ortsgemeinden (Petrosawodsk) wieder offiziell zugelassen. Die offizielle Neugründung als Kirche erfolgte 1992.

1.353 Wörter

Änderungen in der Propstei Kaliningrad (Königsberg)

Von Juni 2013 bis Juli 2014 diente die Theologin Maria Goloschapowa als Pröpstin der Propstei Kaliningrad in der „Evangelisch-Lutherischen Kirche von Rußland“. Ende Juli ist sie mit ihrem Ehemann und den minderjährigen Kindern nach Bayern übergesiedelt. Ihr Mann, Ruslan Semenjukow, war seit mehr als 10 Jahren Pfarrer der Gemeinde Tschernjachowsk (Insterburg). Formal bleibt Frau Goloschapowa bis zur Synode im April 2015 Pröpstin. Bis dahin liegt die geistliche Verantwortung für die Propstei in den Händen des pensionierten, einheimischen Pfarrers Wladimir Michelis. Verantwortlich für die Verwaltung ist Olesija Sadoroschnaja. Stellvertretender Propst ist weiterhin der deutsche Staatsbürger Thomas Vieweg.

Dr.phil. William Yoder
Moskau, den 20. November 2014
Journalistische Veröffentlichung Nr. 14-14

copyright © 2014 Dr. William E. Yoder

            Dieser Text darf kopiert und an einzelne Personen weitergeleitet werden - auch über das Internet. Doch jegliche Reproduzierung des Textes auf Webseiten, Blogs, CDs, durch Massenversand per eMail, in gedruckter Form und im Rundfunk ohne eine schriftliche Genehmigung des Autors ist unerlaubt. Einzelne Zitate sind gestattet, wenn die Quelle angegeben wird.

            Der Verfasser hält es für ethisch unvertretbar, ohne Genehmigung einen Artikel oder eine Pressemeldung zu verfassen, die sich ausschließlich auf diesem einen Artikel stützt. 

Der Verfasser begrüßt stets den Kontakt mit Personen und Agenturen, die an der Verwendung seiner Artikel interessiert sind: “kant50 (at)gmx.de” oder “kant50 (at) web.de”.